BAMF - Bundesamt für Migration und Flüchtlinge - Der Pionier und seine Erbin

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Der Pionier und seine Erbin

Sedat Cakir und Sedef Yildiz, Büro für Integration, Groß-Gerau

Er war stets der zupackende, fordernde Macher, sie versteht sich mehr als analysierende und moderierende Zuhörerin. Sedat Cakir (61) und seine Nachfolgerin Sedef Yildiz (30) repräsentieren zwei Generationen und zwei unterschiedliche Herangehensweisen auf dem Weg zu einem gemeinsamen Ziel: die Integration von eingewanderten Menschen im südhessischen Landkreis Groß-Gerau. Von dessen 260.000 Einwohnern haben 38 Prozent einen Migrationshintergrund.

Der 1985 als erster hessischer "Ausländerbeauftragter" überhaupt gestartete Pionier und die neue Integrationsbeauftragte des Landkreises verstehen sich trotz aller Unterschiede spürbar gut. Cakir hatte die junge Frau vor vielen Jahren zur Jugendleiterin in einer Moschee in Rüsselsheim ausgebildet. Nach ihrem Studium der vergleichenden Religionswissenschaften und Orientalistik leitete sie zunächst ein Projekt an der Universität Wien und war als Dozentin tätig. Im Jahr 2014 nahm sie in der Kreisverwaltung Groß-Gerau die Stelle als WIR-Koordinatorin an, die durch das hessische Landesprogramm "Wegweisende Integrationsansätze Realisieren" (WIR) gefördert wird. Danach trat sie im April 2015 die Nachfolge von Sedat Cakir an. Dieser ging in Altersteilzeit, ist allerdings weiterhin als Unternehmensberater tätig. "Sedef Yildiz bringt die für unsere Arbeit unabdingbare konstruktive Konfliktfähigkeit mit", betont der ebenfalls studierte Sozialarbeiter und Betriebsökonom.

Cakirs Rolle im Landkreis hat sich im Laufe der Jahrzehnte immer wieder gewandelt. "Zunächst war ich sozialer Berater und bei Streitfragen auch Ombudsmann für Ausländer", erzählt er. "Eine harte Zeit, ich musste mich durchkämpfen." In den 90er-Jahren änderte sich seine Position erstmals deutlich, erkennbar auch im neuen Namen seines Arbeitsplatzes: Büro für multikulturelle Angelegenheiten. "Es war eine Art Flower-Power-Zeit des multikulturellen Zusammenlebens, in der jeder jeden respektieren und nach seiner Fasson glücklich werden sollte. Nun ging es darum, soziale und kulturelle Vielfalt zu gestalten, und ich habe beispielsweise interkulturelle Feste mit organisiert."

Ein Mann und eine Frau stehen vor einer Tafel.Die Integrationsarbeit hat sich seit Cakirs Anfang vor 30 Jahren stark gewandelt. Quelle: G. Fürstenberger

"Quantensprung" nach dem Zuwanderungsgesetz

Das gesellschaftliche Klima und die Zielrichtung änderten sich erneut mit dem Zuwanderungsgesetz im Jahr 2005. "Wer nicht mehr ‚Ausländer', sondern zugewandert ist, muss teilhaben können und Verantwortung übernehmen", erläutert Cakir. "Jetzt galt auch für meine Arbeit: Fördern und Fordern – ein Quantensprung." Der Kreis Groß-Gerau entwickelte bereits 2006 ein Integrationsleitbild und bis 2008 ein entsprechendes Konzept mit konkreten Handlungsfeldern. Ziel: Die Zugehörigkeit von Eingewanderten fördern und ihnen Teilhabe ermöglichen. Dabei bewegte sich das Konzept weg von der "Gastrolle" und hin zum Bild von aktiven Bürgerinnen und Bürgern, die das Zusammenleben mitgestalten.

Alle Fachdienste der Kreisverwaltung müssen sich seither in puncto Integration konkrete Jahresziele setzen, zum Beispiel, um ihre Dienstleistungen für Migranten zu verbessern, ihre Mitarbeiterinnen und Mitarbeiter fortzubilden oder den Migrantenanteil zu erhöhen. Zu den Aufgaben des Büros für Integration (BfI) – wie es heute heißt – gehört es, die Fachabteilungen, Vereine, Institutionen oder Schulen als kompetenter Ansprechpartner für Integration und interkulturelle Öffnung zu beraten. Es initiiert Projekte mit und für Migranten, akquiriert Mittel, berichtet über die Maßnahmen der Verwaltung und überprüft ihre Wirkung.

Vom Außenseiter zum begehrten Partner

"Nicht zuletzt dank der Vorarbeit von Herrn Cakir treffen wir heute auf aufgeschlossene Kollegen und werden eingeladen, anstatt uns aufdrängen zu müssen", so Yildiz. Das bedeutet natürlich auch eine Menge Arbeit. "Derart anerkannt und gefragt zu sein, lässt natürlich die Aufgaben wachsen", schmunzelt die 30-Jährige. Aktuelles Beispiel: Als der Landrat einen Verwaltungsstab zur Einrichtung einer neuen Notaufnahme für Flüchtlinge einberief, lud er vorausschauend die Integrationsbeauftragte ein. Auch an einem Sprachkurskonzept für Flüchtlinge aus Ländern, die nicht die Berechtigung zur Teilnahme am Integrationskurs haben, arbeitete sie mit.

Ein Mann sitz und eine Frau steht an einem SchreibtischYildiz ist als Integrationsbeauftragte eine gefragte Ansprechpartnerin. Quelle: G. Fürstenberger

"Wichtig ist uns, im Rahmen einer Willkommens- und Anerkennungskultur individuell und ohne Verallgemeinerungen die Motive und Bedürfnisse aller Seiten zu bedenken, der Zuwanderer, aber auch des Ortes und Umfelds, sprich der hiesigen Gesellschaft", unterstreicht Yildiz. "Es gibt zum Beispiel Regeln, an die sich alle Zuwanderinnen und Zuwanderer halten müssen." Sedat Cakir nickt zustimmend. Wie seine Nachfolgerin ist er von der Hilfsbereitschaft der deutschen Bevölkerung beeindruckt: "Das wäre vor 15 Jahren nicht möglich gewesen!" Die Bereitschaft in der Gesellschaft, auch an sich selbst und den eigenen Strukturen zu arbeiten, sei wie "ein Sog" – auch für die Arbeit der Integrationsbeauftragten.

Autor: Gerd Fürstenberger

Datum 21.12.2015

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