BAMF - Bundesamt für Migration und Flüchtlinge - Spiegel Behörden-Porträt

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Amt und Würde

Das Bundesamt für Migration und Flüchtlinge entscheidet über das Schicksal von einer Million Flüchtlingen – und vielleicht auch über das der Kanzlerin. Nun wird es zur Hochleistungsbehörde umgebaut.

von Alexander Smoltczyk und Wolf Wiedmann-Schmidt (Der Spiegel)

BAMF. Das klingt, als würde im Comic ein Superheld zuschlagen: BAMF! Ein dumpfer Schlag dahin, wo's richtig wehtut. Bundesamt für Migration und Flüchtlinge. Vor einem Jahr noch kaum ein Begriff. Dann kamen – BAMF! – über eine Million Migranten und Flüchtlinge ins Land, und jetzt hängen am Funktionieren dieses Amtes Schicksale, unter anderem: das Schicksal der Kanzlerin.

In seine Pförtnerloge hat sich Albert Adloff Fotos von Frank-Jürgen Weise und Georg Thiel gepinnt. Diese Herren sind neu hier, die meisten anderen kennt Adloff mit Vor- und Zunamen. Da ist die imposante Dame mit der schweren Bobfrisur, seit über 30 Jahren im Amt und hier nur "die Gräfin" genannt. Da sind die drei von der Personalvertretung und der Inder von der IT und die zarte Frau Zips aus der Bibliothek. Wenn einer seinen Dienstausweis vergessen hat, öffnet Albert Adloff die Pforte. Er macht das, was hier alle machen: Er entscheidet über rein und raus.

Neulich sei ein Flüchtling gekommen, was denn nun mit seinem Antrag sei. Da musste Albert Adloff lachen. Flüchtlinge kommen nicht durch seine Schranke. Nach Dienstschluss schreibt Adloff, unter falschem Namen, Fantasyromane mit Titeln wie "Blutende Erde" oder "Geweihtes Blut". "Das BAMF ist schon ein besonderer Arbeitsplatz", sagt der Mann an der Pforte.

Hinter der Loge erhebt sich das Amt wie eine Festung. Tausend Räume, 90.000 Quadratmeter auf drei Geschossen. Das BAMF. Ziegelmauer mit Sandsteinkanten. Es ist ein sehr mächtiger Rest NS-Geschichte am Rande des Reichsparteitagsgeländes, der an der Frankenstraße in Nürnberg-Hasenbuck steht. Eigentlich als SS-Kaserne gebaut, in aller Hast, weil Hitler drängelte und sich in die Planung einmischte. Dennoch wurde alles kurz vor Kriegsbeginn fertig, mit Hakenkreuzmosaiken und Marmorfluren, lang wie Landepisten: "Triumph des Willens" hieß es damals. Wir schaffen das.

Ein deutsches Amt kommt mit allem zurecht, auch mit dem Ausnahmezustand, wenn der dienstrechtlich geregelt ist. Aber das war er hier nicht. "Es gab kein Lagezentrum, das rund um die Uhr Informationen aus dem Feld aufnahm. Und keine Verfahrensabläufe, die regeln, wie die Informationen an die richtigen Stellen kommen", sagt Georg Thiel, seit Kurzem stellvertretender Leiter des Amtes.

Thiel sieht nicht mehr so frisch aus wie auf dem Foto in der Pförtnerloge. Schwer pendelt sein Kopf vor der Brust. Thiel war beim Zivilschutz und beim Technischen Hilfswerk, jeweils in leitender Funktion. Als Referent im Innenministerium hat er die Asylbewerberkrise Anfang der Neunziger mitbewältigt. Der Mann hat eine Schwäche für Katastrophen.

"Als ich am 1. Oktober zum BAMF geholt wurde, kannte ich manches schon von früher", sagt Thiel. Die Führungsstruktur, die IT, alles sei noch wie vor 25 Jahren. Nur die Zeiten nicht.

Es war der Sommer, als in Deutschland die Hydraulik herrschte. Von Strömen, Schwemmen und Fluten war die Rede, von Deichen und Lecks. Im BAMF liefen die Ablagen voll. Täglich kamen 10.000 Flüchtlinge über die Grenzen, mehr als sich vorschriftsmäßig registrieren ließen. Kosovaren, Eritreer, Syrer, Afghanen, alles durcheinander.

"Wir fanden im BAMF sehr engagierte Mitarbeiter, die mit untauglichen Mitteln gegen immer größere Berge vor der Tür arbeiten mussten. Es gab kein Aktenmanagement. Kein Controlling. Das führte zu völliger Überlastung, Frustration und dem Gefühl, draußen nicht verstanden zu werden. Wir mussten die Zentren in Passau und Rosenheim über Nacht hochziehen. Diese Agilität ist für eine auf Zuständigkeiten gepolte Behörde, ich sag mal: ungewohnt", sagt er. Im BAMF nennt man Thiel "Dr. Wahnsinn".

An diesem Tag, einem Dienstag, wird sich Georg Thiel mit der Außenstelle Gießen beschäftigen (aus Versehen vier Wochen zu spät besetzt), mit dem Fall Glückstadt (noch ohne Führungskräfte) und dem Zustellzentrum in Bonn (IT-Absturz). Er muss die Innenminister der Länder anschreiben, um an verlegte Adressen von Asylbewerbern heranzukommen, und dann ist da der Landrat in Ostwestfalen, der 2.600 registrierte Flüchtlinge hat, bereit zur Antragstellung, aber der Leiter der Außenstelle macht nur 800 pro Woche und will die Schlagzahl nicht erhöhen.

Als nach dem Krieg Nürnberg in Trümmern lag, hatte die SS-Kaserne nur ein paar Kratzer abbekommen. Befreite ausländische Zwangsarbeiter zogen ein, ins heutige BAMF-Gebäude, Deportierte, vom Krieg Entwurzelte. Die Amerikaner hatten als Erstes den Nazi-Adler überm Tor zerschossen und brachten im Kalten Krieg ihr 2. Panzeraufklärungsregiment in dem Gebäude unter, schon damals mit dem Auftrag, die Grenzen zu sichern. Der Faden der Geschichte ist manchmal ziemlich verknotet.

Das BAMF versucht erst gar nicht, die Geschichte des Ortes zu verstecken. Ins Parkett des Konferenzsaals ist eine Öffnung geschnitten, um die Hakenkreuz-Mosaike zu zeigen. Die Marmortreppen sind die alten, die mattschimmernden Dienstflure, auf denen jedes Husten, jedes Absatzklacken nachhallt, die indirekte Beleuchtung, das Labyrinth der Gänge, in dem sich Neulinge auch nach Monaten noch verirren – man glaubt, durch einen Visconti-Film über die Nazizeit zu laufen. Ein Eindruck, der sich verstärkt, wenn aus den Büros plötzlich eilig Offiziere in "Flecktarn B"-Gefechtskleidung auftauchen, Leihgaben des Verteidigungsministeriums für den Asylnotstand. Das Lagezentrum unterm Dach leitet der Oberstleutnant einer Panzerdivision.

Auf den Marmorfluren des Bundesamts für Migranten und Flüchtlinge begegnet man allem, nur keinem Migranten und Flüchtling. Denn das hier ist die Zentrale, das Stammhirn der mehr als hundert Liegenschaften zwischen Rendsburg und Rosenheim, all jener "Außenstellen", "Ankunftzentren", "Bearbeitungsstraßen", "Warteräume", "Entscheidungszentren".

Das BAMF ist das Amt für Menschen, die nach Deutschland wollen oder müssen. In den tausend Räumen der Zentrale liegt die Zuständigkeit für Asyl, Flüchtlinge, Integration, Immigration und Radikalisierung. Ein Ministerium für außen und innen und alles, was dazwischenliegt.

Von hier aus werden die mobilen Teams auf Lesbos koordiniert. Unterm Dach findet sich das Ausländerzentralregister, im Erdgeschoss wird die Deutsche Islam Konferenz organisiert, und im Keller ruhen, in Zigtausenden blauen Hängeordnern, die Asylanträge.

Urkunden und Pässe werden in Raum 1501 physikalisch-technisch geprüft. Es gibt das Referat 313 für jüdische Zuwanderung, ein Büro für Länderanalysen, ein anderes für die Koordination der Dolmetscherdienste. Mitten auf dem Gang ein Schild: "Basisschulung Sonderbeauftragte unbegleitete Minderjährige", in den Blumenkübeln der Hinweis: "Pflege erfolgt über Fachfirma". Im Raum 1.638 sitzt Frau Baumann, eine studierte Anglistin, in der Hotline "Arbeiten und Leben in Deutschland" und erklärt einem Informatiker aus Kasachstan, wie sein Abschluss anerkannt wird: "... Sie gehen auf die Website anabin.kmk.org ... dann Schrägstrich ... Ja? ... Super!"

Von Zeit zu Zeit schaut Baumann auf die Wand vor sich. Dort hängen Fotos, schottische Landschaften.

Die heroischen Bürosprüche an den Türen, die fröhlichen Plakate vom Multi-Kulti-Miteinander – das wirkt in den Marmorgängen wie der Versuch, diesen Mauern ihren Geist auszutreiben. Bei der Führung durchs Gebäude fiel der Satz: "Man kann unsere Arbeit durchaus als Heilung von dunkler Zeit verstehen." Vielleicht ist das ganze BAMF ein Exorzismus.

Kurz nach seiner Ernennung zum Leiter dieser Behörde, im September 2015, stand Frank-Jürgen Weise im Torhaus und stellte sich den Mitarbeitern vor. An der Decke über ihm ein Mosaik mit zwei brennenden Fackeln. Das passte zu seiner neuen Doppelfunktion als Chef des BAMF und der Bundesagentur für Arbeit, auch in Nürnberg, nur die Straße hinunter.

Er sei kein Mann für "Blut, Schweiß und Tränen"-Reden, sagt Weise. "Sinngemäß habe ich damals gesagt: Es läuft nicht gut, das ist objektiv so." Die Reaktion der Mitarbeiter darauf beschreibt er heute als "eher neutral".

Für Gerhard Schröder hat Weise die Arbeitsvermittlung umorganisiert und geholfen, aus einer Anstalt eine Agentur zu machen. Das war ein Schlüsselprojekt von Schröders Kanzlerschaft.

Für dessen Nachfolgerin hat der Umbau des BAMF eine vergleichbare Bedeutung. Deswegen machte sie Frank-Jürgen Weise das Jobangebot.

Weise ist CDU-Mitglied und Reserveoffizier. Er hat als Manager genug verdient und brauchte keinen Nebenjob. Zumal er beim BAMF auch nicht bezahlt wird. "Ich habe auch zugesagt, weil ich es beschämend für Deutschland fand, dass hier Menschen doppelt oder gar nicht registriert sind", sagt er.

Weise erinnert sich, wie er im Sommer beim BAMF nachgefragt hatte, wer denn da gerade mit welcher Qualifikation so zahlreich ins Land komme: "Ich habe ins Nichts gefasst." Niemand wusste, wer wo seit wann im Land war.

Viele Asylentscheidungen waren bereits fertig, konnten aber nicht zugestellt werden, weil Adressen fehlten. Die waren in anderen Bundesländern gespeichert, schlummerten in anderen Dateien. So blieben die Bescheide im Postkorb liegen.

Aus der Behörde soll – BAMF! – eine leistungsstarke, effiziente Agentur werden. Der gleiche Turnaround wie beim Exarbeitsamt gegenüber, nur, wie Weise sagt, "aus einem Mangel heraus, nicht als planmäßiges Vorgehen". Und alles innerhalb von wenigen Monaten.

Bürokratien reformieren sich nur, wenn es nicht mehr anders geht. Aber irgendwie geht es ja immer. Das BAMF hatte jahrelang kaum Neueinstellungen machen dürfen. Immer wieder ist auf die veraltete IT hingewiesen worden. Aber es ist Haushältern schwer beizubringen, weshalb es mit der neuen Software nicht bis zum nächsten Haushalt warten kann.

Weise gibt zu, dass der Druck zuvor natürlich nicht so stark gewesen sei: "Aber in ruhigen Zeiten muss man angespannt sein, damit man in angespannten Zeiten ruhig bleiben kann. Hier hat man das Gegenteil erlebt."

Das sei nicht die Schuld der Mitarbeiter. "Es ist die vornehmste Pflicht der Führungskräfte, dafür zu sorgen, dass sich die Leistung der Beschäftigten auch in Erfolg niederschlägt."

Die alte Führung wusste, was da jenseits der Grenzen auf das BAMF zukam. Jeden Monat wurden die anlaufenden Rückstände beim Innenministerium gemeldet, deutlich mehr Personal wurde angefordert. Vergebens. Nur an die Arbeitsprozesse traute sich niemand heran. Für Weise war das der Fehler: "Für neues Personal war das Computersystem gar nicht ausgelegt. Als Erstes haben wir die IT im BAMF abgeschaltet und bei uns in der Bundesanstalt angeschaltet."

Im Torhaus, der Eingangshalle des Amtes, hängt ein Zettel. Auch Weise muss ihn sehen, jedes Mal, wenn er das Haus betritt. Auf dem Zettel ist ein Diagramm zu sehen. Aus ihm ergibt sich die "EASY-Gap", derzeit so etwas wie der Fluch des Amtes. Die EASY-Gap ist die Differenz zwischen der Zahl der im Computersystem EASY registrierten Flüchtlinge und der Zahl der tatsächlich angenommenen Asylanträge.

Die EASY-Gap ist wie ein Limbo, ein Zwischenreich, aus dem sich die armen Seelen nach und nach vor den Schreibtischen melden. Und je besser die Außenstellen arbeiten, desto mehr Flüchtlinge bekommen einen Termin. Deswegen ist, trotz sinkender Flüchtlingszahlen, trotz aller Reformen, die Zahl der offenen Anträge nicht gesunken. Im Gegenteil. Das muss einem Politiker in Berlin oder Düsseldorf erst mal klargemacht werden. Bis Jahresende will Weise noch im Amt bleiben. Bis dahin, so hat er versprochen, soll eine Million Asylanträge abgearbeitet sein. Eine Million, das wären 400.000 Anträge aus dem Rückstau, 300.000 aus der EASY-Gap und 300.000 neue Flüchtlinge. Mehr dürften es nicht sein.

Bitte nicht.

Worum es eigentlich ging, vergangenen Spätsommer, als er nach Berlin bestellt wurde, das sagt Frank-Jürgen Weise eher beiläufig: "Meine Zielsetzung war, wir lassen es nicht zu, ins Wahljahr mit Bildern von Zuständen zu gehen, die nach Überflutung, Unordnung und fehlender Rechtmäßigkeit aussehen und manchen in die Hände spielen."

Das Amt lebt also in einer doppelten Überforderung. Es muss (a) eine Massenflucht in verwaltungstechnische Bahnen bringen. Aber weil das nicht ganz einfach ist, wird das BAMF auch (b) für alles in Haftung genommen, was so schiefläuft im Land. Brandanschläge und Pegida, AfD-Erfolge, besetzte Turnhallen und Antänzer in der Silvesternacht.

Das erklärt manch bitteren Ton und gibt auch jener Sottise ihren Sinn, ausgehängt an einer Bürotür im zweiten Stock: "Die ganze Welt ist ein Irrenhaus, aber hier ist die Zentrale."

"Wir stehen im Feuer", sagt Dirk van Führen, ein Veteran, seit 1989 im BAMF. "Wertgeschätzt werden wir jedenfalls nicht. Das schmerzt natürlich, wenn man Überstunden im dreistelligen Bereich stehen hat. Dennoch, wir arbeiten an der Aufgabe, und das muss man sich in solchen Momenten immer wieder sagen."

Es gibt einen Ausdruck im Amt für die Zeit, als Dienst noch Dienst war und kein Heilsauftrag: "Zu Friedenszeiten", sagen sie in den Büros, wenn von früher die Rede ist.

In der Kantine gibt es "Currywurst mit pikanter Soße". Wie jeden Dienstag. Das war zu Friedenszeiten so, das ist jetzt so. Dienstag ist Currywursttag.

Der Eckstein von Frank-Jürgen Weises Reform liegt auf dem Schreibtisch von Katja Wilken-Klein, im dritten Stock. Es ist eine Zeichnung: "Der Sollprozess im Ankunftszentrum". Man sieht einen aufgeschnittenen Raum, Männchen, Stühle, Bildschirme, Pfeile weisen hinein und auf der anderen Seite wieder hinaus.

So sieht "Integriertes Flüchtlingsmanagement" aus. Katja Wilken-Klein hat es sich ausgedacht. Wenn sie von "stabilem Hochlauf", von "Controlling" und "Zugängen pro Tag" spricht, lebhaft und leicht angestrengt, hat sie eine gewisse Ähnlichkeit mit der Schauspielerin Claire Danes aus der "Homeland"-Serie. Auch Wilken-Klein ist von der Bundesagentur herübergekommen, wie Weise, wie viele andere.

"Wir hatten Arbeitsprozesse wie in einer Manufaktur", sagt Wilken-Klein. "Es war unvorstellbar, was allein an Postzustellung lief. Dienstsiegel, Zustellungsurkunden, Kuvertierung, Postbuch: alles händisch bearbeitet. Jedes Dokument von Hand gescannt."

Die neuen Ankunftszentren sollen bis Sommer arbeiten, 20 sind bereits in Betrieb. Der Prozess ist durchgetaktet. Arbeitsteilig. Ingenieursmäßig. Eine Maschine, kein Manufakt. Module können aneinandergesetzt werden, für Registrierung, ärztliche Untersuchung, Anhörung und letztlich Bescheiderstellung. Alles an einem Ort. Plus Schnittstelle zur Arbeitsagentur.

"Beschleunigtes Asylverfahren heißt aber nicht, dass schneller geprüft wird. Wir nehmen nur die Warte- und Liegezeiten heraus."

Die Pässe etwa werden nicht mehr herumgeschickt, sondern gleich vor Ort untersucht. Dolmetscher sollen per Skype zugeschaltet werden können.

Der Plan ist bis in die Quadratmeterzahlen ausgearbeitet. Es sind Raumtypen aufgelistet (Typ "Warteraum"), es gibt Handreichungen zur Kommunikation und den Hinweis: "Für den Fall unerwarteter Komplikationen (z. B. kurzfristige Änderungen bei der Zuführung oder Abholung von Asylbewerbern) sind Eskalationswege zu definieren, die eine schnelle Umsteuerung ermöglichen."

"Wir clustern die Fälle in A, B, C, D, von einfach bis komplex", sagt Wilken-Klein. Syrien ist einfach. Ein Erwartungswert von 60 Minuten für die Anhörung. Komplexere Fälle können doppelt, dreifach so lange dauern.

"Durch die Cluster können wir die neuen Mitarbeiter an einfache Fälle heranführen, die Wertschöpfung bringen. Das erfahrenere Personal kann sich auf komplexere Fälle konzentrieren."

Sie hat "Wertschöpfung" gesagt.

Ebenerdig, am äußersten Ende des Ostflügels, hat die Personalvertretung ihren Sitz, Siegfried Dachs, Gernot Hüter und Rudolf Scheinost. Die drei sitzen nebeneinander, Dachs und Scheinost halten die Arme vor der Brust verschränkt.

Hüter sagt, es sei ihm wichtig, etwas zu betonen: "Ich sitze hier jetzt nicht als Personalrat, sondern vor allem als Gesamtschwerbehindertenvertreter."

Es ist kein Geheimnis, dass die Personalräte Frank-Jürgen Weises Umbauplan als unangemessen verstehen. "Wir entscheiden hier über Menschenschicksale! Meinen Sie, da reichen drei Wochen Schulung aus?"

Manche Crashkurse für neue Mitarbeiter dauern 15 bis 25 Tage. Früher dauerte die Ausbildung von Asylentscheidern drei bis vier Monate.

"Konkreter Fall", sagt Dachs. "In einer Außenstelle arbeiten drei Alteingesessene und 49 Neue. Wie soll das funktionieren?"

Der Personalrat hat sich gegen ein Schnelleinstellungsverfahren gestellt, weil dadurch seine Beteiligungsrechte missachtet würden. Es laufen vier Klagen beim Verwaltungsgericht Ansbach gegen die neue BAMF-Führung.

"Cluster". "Fallzahlen". Scheinost betont jede Silbe. Das ist eine andere Welt. Keine bessere.

Es gibt im Amt grundsätzliche Vorbehalte gegen Weises Managementmethoden, die strengen Zielvorgaben, seine Orientierung an Zahlen. Auf einer Personalversammlung war von "Fließband"-Rekrutierungen die Rede.

Als in den Außenstellen die Luft brannte, erinnerte die Personalvertretung an Qualitätssicherung und Gesundheitsprävention. Sie wehrte sich gegen Wochenend- und Schichtdienste.

Bei der letzten Personalratswahl gewannen die "Neue Basis" und die Liste "Frontal" – "Aufbruch BAMF" landete hinten.

"Die Mitarbeiter werden nicht mitgenommen, sie werden überrollt", sagt Scheinost.

"Alles haben wir durch Zufall erfahren. Erst seit Kurzem wächst erkennbar guter Wille", sagt Hüter.

"Muss man zugeben." Sagt Dachs.

"Fairerweise." Sagt Hüter.

Manche BAMFler befürchten eine feindliche Übernahme durch die Bundesagentur für Arbeit, eine Megabehörde mit bundesweit rund 100.000 Mitarbeitern. Aus manchen Büros kann man sie sehen, keine 1.500 Meter. Auf einige im Amt wirkt der Bau mit seinen 17 Stockwerken so bedrohlich wie das Auge von Sauron aus "Der Herr der Ringe".

Das "Geschwisterchen in Nürnberg" hatte Weise das BAMF genannt, damals, bevor er es richtig kennenlernte.

Es ist wie ein Menetekel, wenn morgens die "Mackis" durch die Gänge eilen, die externen Berater von McKinsey und Roland Berger, ihre Rollkoffer hinter sich, leicht vornübergebeugt, paarweise meist und in der Kantine ganz für sich allein.

Es geht auch um Ängste. Da sind jetzt viele neue Gesichter im Haus, Leute, die ratlos auf den Fluren stehen, weil sie sich verlaufen in der Zentrale.

Aus den Ämtern und Dienststellen des Landes haben sich Helfer gemeldet. Hunderte. Zollbeamte, Postler, die Sprecherin der Minijob-Zentrale Dortmund, Stabsoffiziere, 250 Mitarbeiter von der Telekom ("Telekom hilft Flüchtlingen"), Logistiker von der Arbeitsagentur. Alle sind erst mal für ein halbes Jahr ausgeliehen worden, hören Flüchtlinge an, tragen den Postberg ab, helfen bei der IT.

Es hat eine stille Mobilisierung gegeben, über alle Tarif- und Altersgruppen hinweg. "Das ist einmalig", sagt Hans-Christian Witthauer, der mit Weise kam, um neues Personal zu rekrutieren, "vergleichbar mit der Wiedervereinigung."

Auf dem Flipchart vor ihm steht blau die Zahl 7.300. Auf so viele Mitarbeiter soll das BAMF anwachsen. Daneben in Grün der Iststand April: 4.812.

Witthauer ist Maschinenbauingenieur. Und er ist in Verzug. Und damit das ganze Projekt. Er muss nun wöchentlich bis zu 600 neue BAMFler rekrutieren, also aus einem Berg von 73.000 Bewerbungen herausfiltern. Jetzt werden auch angehende Juristen geholt, die gerade mit dem Studium fertig sind, und Anwälte, die unausgelastet sind. Da gibt es Pannen. Mehrere Dutzend Neue mussten in der Probezeit wieder entlassen werden, manche hatten sogar einen Eintrag im Führungszeugnis.

"Man kann einen Führerschein in acht Wochen machen, zur Not schafft man es aber auch in einer Woche", sagt Witthauer. "In beiden Fällen können Sie sich auf der Straße bewegen."

Dachs, Hüter und Scheinost würden jetzt zusammenzucken.

Es ist eben ein ständiges Balancieren zwischen Effizienz und Gründlichkeit, zwischen modernem Asylmanagement und einem alten Grundrecht. Zwischen Amt und Würde.

Es muss schneller gehen. Je länger ein Verfahren dauert, desto häufiger fragen Asylbewerber und ihre Anwälte den Sachstand an, was wiederum beantwortet werden muss. Die Post wächst weiter, und gleichzeitig stehen hundert neue Flüchtlinge vor der Tür. Alte Akten brauchen mehr Zeit, weil der Entscheider nach einem Jahr keine konkrete Erinnerung mehr an den Fall hat.

Es muss schnell gehen, damit auch schneller entschieden werden kann, wer wieder gehen muss. Gut die Hälfte der Antragsteller wird anerkannt.

Noch dauert ein Verfahren im Schnitt 152 Tage. Nicht gerechnet die Monate des Wartens, bis der Antrag überhaupt gestellt werden kann. Als die Außenstellenleiter einmal nachrechneten, wie lange ein Verfahren bei idealen Abläufen dauern müsste, kamen sie auf acht Stunden. Acht Stunden statt 152 Tage.

Bei Probeläufen, etwa in Heidelberg und Bamberg, ist man jetzt in manchen Fällen auf 48 Stunden gekommen. Aus Rechtlosigkeit wird ein Verfahren, aus Schicksal eine Akte. Bürokratie ist eine zivilisatorische Leistung.

Gabriele Zips ist Bibliothekarin im Amt. Sie verwaltet eine der größten Mediensammlungen zu Flucht und Migration in Deutschland, vom Stadtplan von Dakar bis zum Bayerischen Staatsanzeiger, es sind regalweise Leitz-Ordner mit Länderanalysen und Studien zur Integration. Gabriele Zips weiß, so gesehen, eigentlich alles über Flüchtlinge. Fast alles.

"Aber persönlich", sagt sie, "persönlich bin ich bis vor Kurzem noch keinem Flüchtling begegnet." Und deswegen geht sie nach Feierabend einmal die Woche auf die andere Straßenseite. Denn ausgerechnet dort, gleich vis-à-vis vom BAMF, hat das Bayerische Rote Kreuz Flüchtlingszelte aufgestellt. Gabriele Zips hat sich hier als Freiwillige eintragen lassen, teilt Essen aus nach Dienstschluss. Sie sei nicht die Einzige aus dem BAMF.

Wer in Deutschland um Asyl ersucht, bekommt es letztlich mit Ursula Gräfin Praschma zu tun, im BAMF nur "die Gräfin" genannt. Gräfin Praschma ist Abteilungspräsidentin für Asyl und Migration und seit über 30 Jahren im Dienst. Damals hatte das Amt noch 587 Mitarbeiter.

Sie erzählt von dem Putsch in der Türkei und dem Pogrom an den Tamilen auf Sri Lanka. Vom geheimen Standort des Amtes am Checkpoint Charlie, als die Mauer noch stand. Die Gräfin hat die Beben der Weltgeschichte an ihrem Schreibtisch gespürt. Sie sagt: "Das BAMF ist kein Katasteramt. Alles ändert sich ständig. Wir sind gedanklich in der ganzen Welt unterwegs. Schon deswegen ist das eine ganz fantastische Behörde."

Als es jetzt darum ging, sich für den Einsatz in Griechenland zu bewerben, hätten sich 300 Interessenten aus den eigenen Reihen gemeldet: "Das sagt doch was über uns."

Von ihrem Schreibtisch aus schaut sie ins Auge eines Gepards. "Namibia, mein Mann hat das Foto geschossen." Gräfin Praschmas Familie kommt aus dem Ruhrgebiet, Bergbaumaschinen.

Früher war die Welt einfacher. Es gab noch kein Dublin-Verfahren und keine EU-Zuständigkeiten. Es gab den deutschen Asylartikel. Früher war es Daumen rauf oder Daumen runter.

Meistens runter. In den Neunzigerjahren hatte das heutige BAMF den Ruf einer harten Behörde. "Als zum Beispiel Anfang der Neunziger 100.000 Bulgaren kamen, nachdem das Regime gefallen war, konnten wir solche Antragsteller nicht anerkennen", sagt Gräfin Praschma. "Das erklärt die Quote."

Die "Entscheider" durften richtergleich ihre Urteile sprechen. Aus dieser Zeit haftet ihnen die Aura einer alten Garde an, eines Ordens der Reinen. Mit der Gräfin an der Spitze.

Die Entscheider sitzen draußen an der Front, Auge in Auge mit dem Elend der Welt, auf der anderen Seite des Schreibtischs all die Vertriebenen, Entrechteten, Gemarterten, Verlassenen. Und auch all die Lügner natürlich, Trickser und Gewitzten, die nur so tun als ob, und das mit gutem Grund.

Alles änderte sich mit dem Zuwanderungsgesetz der rot-grünen Regierung Schröder. Das BAMF erhielt zusätzlich die Zuständigkeit für Integration, und Sozialforscher, Völkerkundler, Islamexperten, Politologen tauchten auf, wo bislang Juristen geherrscht hatten. Und fühlten sich als – nun, jedenfalls deutlich cooler als die Entscheider mit ihrem Juristenhorizont. "Integration" war das neue In-Wort.

Ein Viertel der Mitarbeiter hat inzwischen selbst Migrationshintergrund. Es ist ein buntes Amt geworden.

"Wir können jetzt alle Phasen abdecken. Legale Migration, Asyl, Integration, illegale Migration, Rückkehr. Wir haben im Grunde den vollen Überblick über das Geschehen."

Das BAMF ist ein komplexes Wesen, und deswegen verbietet sich auch voreilige Kritik: "Eine Behörde, die aus dem Stand mit einer solchen Zahl von einer Million Asylsuchenden klarkommt, die gibt es nicht", sagt Gräfin Praschma. "Nein, wir waren in dem Sinne natürlich nicht vorbereitet."

Die Arbeitsteilung in den neuen Ankunftszentren schmeckt ihr ein bisschen zu sehr nach Taylorismus. "Das ist eine Frage der Philosophie", sagt sie. "Für uns war immer auch das Ganzheitliche wichtig. Der Entscheider hat eine herausgehobene Verantwortung, auch in der Vielfalt der Sachverhalte, die er zu beurteilen hat."

Die Gräfin fürchtet die Gefahr des Abstumpfens, auch wenn man jetzt nicht anders handeln könne.

In ihrem Büro mit dem Gepard hängt auch ein Kreuz. Ja, als Christin sei sie stolz, dass dieses Land es geschafft habe, keinen der Flüchtlinge ohne Obdach zu lassen. "Und da ist dieser Hölderlin-Spruch: Wo Gefahr ist, wächst das Rettende auch."

Das BAMF ist eine besondere Behörde. Allzuständig, allgegenwärtig und schuld an allem sowieso. Eine Wohngeldbehörde kann sich mal um 20 Euro vertun. Beim Asyl kann jedes Versehen zum Drama werden. Das ist der Unterschied.

Dieses Amt reagiert nicht nur auf die Erschütterungen weit jenseits der Grenzen sehr empfindlich. Weil jeder Putsch auf den Komoren irgendwann einmal bei ihm in Nürnberg ankommen wird. Das BAMF reagiert deshalb auch sensibler auf den Versuch, im öffentlichen Dienst das Denken nach Zahlen einzuführen. Wer hier arbeitet, der hat einmal genau hier arbeiten wollen. Beim BAMF.

Einem Amt, das vom Weltgeschehen auf offene See getrieben wurde, mitsamt dem Gepäck von Zuständigkeiten und Standards, und das jetzt damit hadert, was an Bord bleiben kann und was nicht.

An der Spitze ein Offizier der Reserve, der bei der Kanzlerin im Wort steht, und unter ihm eine altgediente Mannschaft, die Kurs halten will. Überstunden machen sie alle.

Eine Behörde, die in einer alten SS-Kaserne untergebracht wurde und in der Mitarbeiter nach Dienstschluss noch in der Suppenküche aushelfen.

Eben ein ziemlich deutsches Amt.

Datum 15.06.2016

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