BAMF - Bundesamt für Migration und Flüchtlinge - Jutta Cordt im Interview mit dem Focus

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"Wie viele Flüchtlinge erwarten Sie in diesem Jahr, Frau Cordt?"

Das Interview mit der Präsidentin des Bundesamtes Jutta Cordt für das Focus Magazin vom 23.01. führte Herbert Weber

NÜRNBERG – Die neue Präsidentin des Bundesamtes für Migration und Flüchtlinge (BAMF), Jutta Cordt, muss die Behörde schnell fit machen. Es droht ein Ansturm von Flüchtlingen aus Afrika

  • 430.000 Asylverfahren liegen derzeit beim BAMF. Nur noch 50.000 davon betreffen syrische Flüchtlinge. 338.000 Fälle gelten als kompliziert
  • 2807 neue Flüchtlinge registrierte das BAMF in der ersten Januarwoche
  • 12.496 Asylanträge haben die Mitarbeiter der Nürnberger Flüchtlingsbehörde seit Jahresbeginn entschieden

Es ist noch nicht vorbei. 2016 beantragten 745.545 Flüchtlinge Asyl in Deutschland. Öffentlich geht die Bundesregierung davon aus, dass sich in diesem Jahr die Lage entspannt. Intern aber stellen sich Angela Merkel und ihre Kabinettskollegen auf einen neuen Flüchtlingsansturm ein.

Noch immer tobt in Syrien ein Bürgerkrieg, und der IS mordet weiter. Zwar ist die Zahl der Flüchtlinge, die über den Balkan kommen, um 80 Prozent gesunken. Doch über das Mittelmeer flohen 2016 etwa 181.000 Menschen nach Italien. Die meisten von ihnen aus Afrika.

Im neuen Jahr werden die Klimaflüchtlinge kommen. Neben regionalen Terrorgruppen oder korrupten Regierungen vertreiben vor allem Dürren und Naturkatastrophen die Menschen. Allein 2,7 Millionen von ihnen hausen in provisorischen Lagern am westafrikanischen Tschadsee. Experten gehen davon aus, dass sie sich auf den Weg nach Europa machen - vor allem nach Deutschland.

Kann Deutschland das schaffen? Aufnahme, Registrierung und Verteilung organisiert das Bundesamt für Migration und Flüchtlinge (BAMF). Die Juristin Jutta Cordt, 53, steht jetzt an der Spitze der Behörde. FOCUS begleitete sie exklusiv bei ihrem Amtsantritt.

Frau Cordt, mit dem BAMF residieren Sie in einem gewaltigen Nazi-Bau, einer ehemaligen SS-Kaserne, in der auch eine Außenstelle des KZ Dachau untergebracht war. Kommt Ihnen das nicht deplatziert vor, ausgerechnet von dort aus zu entscheiden, ob Flüchtlinge in Deutschland Asyl erhalten?

Im Gegenteil. Ich habe ein gutes Gefühl dabei, dass das Unrecht der damaligen Zeit, nämlich Flucht, Vertreibung, Mord, in Recht auf Schutz verkehrt wird. Meine Behörde sichert das in einem rechtsstaatlichen Verfahren. Ich bin stolz darauf, dass wir so einen Bogen von der Vergangenheit in die Gegenwart spannen konnten.

Die Flure im Bundesamt für Migration und Flüchtlinge sind so lang, dass man ihr Ende fast nicht sieht. Da können Sie morgens locker joggen . . .

Na ja, da jogge ich dann doch lieber frühmorgens eine halbe Stunde bei mir zu Hause im Süden Nürnbergs. Dort ist es sehr ländlich. Das ist dann ein guter Start in den Tag, bevor ich um acht Uhr meine Arbeit beginne. Und die Flure sind trotz allem nicht lang genug.

Als Ihr Vorgänger Frank-Jürgen Weise Ihnen den Job als BAMF-Präsidentin angeboten hat, sind Sie da nicht zusammengezuckt?

Erst einmal hat er ein sehr persönliches Gespräch mit mir geführt. Wir arbeiten ja schon 15 Jahre eng zusammen. Ich musste mich nicht sofort entscheiden, konnte mir das gut überlegen. Da ich jetzt hier sitze, wissen Sie, zu welchem Schluss ich gekommen bin.

Sie müssen 10 000 Mitarbeiter führen und haben beim Thema „Asyl“ die Politik im Nacken. Ist die Aufgabe nicht eine Nummer zu groß?

Natürlich ist das eine große Herausforderung. Aber mich interessiert die Aufgabe. Ich habe seit 1993 in der Bundesagentur für Arbeit (BA) ganz unterschiedliche Leitungsaufgaben übernommen. Dabei habe ich schon immer für die Lebensperspektiven von Menschen gearbeitet. Das kann ich hier noch mehr. Und ich traue mir das auch zu: 23 Jahre in verschiedenen Führungsfunktionen in der BA. Zuletzt habe ich die Regionaldirektion in Berlin-Brandenburg geleitet - mit 12 000 Mitarbeitern. Außerdem erlebe ich im BAMF eine sehr engagierte Mannschaft. Da wird mir nicht mehr bange.

Wie viele Flüchtlinge erwarten Sie in diesem Jahr?

Das Weltgeschehen wird gründlich analysiert, wir arbeiten hier zum Beispiel mit UNHCR (Anmerkung der Red.: die UN-Flüchtlingshilfe) und anderen wichtigen Akteuren eng zusammen, um vorbereitet zu sein. Aufgrund der vielen Variablen ist den Fachleuten aktuell keine Prognose möglich.

Ist das BAMF vorbereitet, wenn wieder so viele Flüchtlinge wie 2015/16 kommen wollen?

Wir müssen das schaffen. Das ist alternativlos. Wir haben aus den vergangenen zwei Jahren gelernt und wollen eine atmende Behörde aufbauen. Das kann heißen, wir schaffen die Voraussetzung dafür, bei Bedarf Helfer aktivieren zu können, die in ruhigen Zeiten in ihre angestammte Behörde zurückgegangen sind. Die wissen ja dann, wie es geht, weil wir sie auch auf dem aktuellen Stand halten.

Wo ist die Obergrenze, ab der es Sie und Ihre Mitarbeiter im BAMF nicht mehr schaffen werden?

Die gibt es nicht. Jeder, der bei uns einen Antrag auf Asyl stellt, hat ein Recht darauf, dass wir sein Schutzersuchen prüfen.

Ihr riesiges Büro ist, um es freundlich zu umschreiben, sehr sachlich gehalten. Da ist eine meterlange Wand völlig kahl, kein Bild, kein Regal - nichts. Hinter Ihrem Schreibtisch steht ein Regal bis unter die Decke - bis auf wenige Bücher leer. Brauchen Sie für die große Herausforderung die Übersicht?

Das entspricht schon weitgehend dem, wie ich es gerne habe. Ich habe erst einmal alle Bilder und Pflanzen entfernt, weil ich eine klare Arbeitsumgebung brauche. Aber ich habe mir vorgenommen, ein Bild aufzuhängen . . .

Ein ganzes Bild?

Doch, ein ganzes. Aber auch die Bücherwand hinter meinem Schreibtisch wird nicht erhalten bleiben. Da möchte ich einfach nur die klare Wand haben. Und ja: Ich bin eher gradlinig. Mir gefällt das Sachliche.

Auf der Straße nicht. Wie Ihr Vorgänger Frank-Jürgen Weise, der eine Harley Davidson besitzt, fahren Sie gerne Motorrad, eine Moto Guzzi.

Herr Weise hat auch eine BMW. Ich liebe die kurvenreiche Strecke. Mir kommt es nicht auf Geschwindigkeit an. Deshalb reizen mich auch weniger die Autobahnen als die Alpenpässe. Da muss ich mich richtig konzentrieren und kann abschalten.

In der Behörde müssen Sie aber Gas geben. Was wird Ihre erste Amtshandlung sein?

Erst einmal geht es weiter wie gehabt. Herr Weise hat schon vieles angestoßen und verändert. Er hat effektive Strukturen wie die Ankunftszentren gebildet, hat Behörden und Ämter vernetzt, die Digitalisierung vorangetrieben. Das werde ich fortführen.

Weise hat Ihnen auch einige Baustellen hinterlassen . . .

Er ist die richtigen Schritte gegangen, um den großen Rückstand abzubauen. Jetzt gilt es, diesen Weg weiterzugehen, und dazu gehört zum Beispiel auch zu überlegen, wo wir uns weiter verbessern können. Etwa, ob wir die Trennung in Entscheider und Anhörer jetzt wieder aufheben können. Denn am Ende ist das Asylverfahren doch ein geschlossener Vorgang. Ganz oben auf unserer Liste stehen aber die mehr als 430 000 Altanträge. Die wollen wir bis zum Ende des Frühjahrs abarbeiten.

Das ist nicht Ihr Ernst. Wie wollen Sie das denn meistern?

Gemütlich ist es nicht. Aber ich habe eine hervorragende Mannschaft im BAMF. Ich war kürzlich erst in unserer Außenstelle in Zirndorf und sehe, mit welcher Tatkraft und Motivation die Leute arbeiten. Das ist schon toll.

Haben Sie nicht Sorge, dass Ihre Leute in der Eile Fehler machen?

Schnelligkeit und Qualität sind wichtig. Die Flüchtlinge haben zum Teil eine monatelange Reise hinter sich, warten hier bei uns auch schon Monate auf eine Entscheidung. Sie haben ein Recht darauf, bald zu erfahren, was mit ihnen geschieht - und zwar rechtsstaatlich einwandfrei. Im Übrigen: Der Anteil angefochtener Asylentscheidungen ist - wenn man sich die Jahre 2013 und 2014 anschaut - deutlich gesunken. Von 40 Prozent auf 20.

Trotzdem: Die Bearbeitung der Asylanträge dauert im Schnitt immer noch mehr als ein halbes Jahr. Wird das mal besser?

Alle Menschen, die jetzt einreisen, erhalten aktuell im Durchschnitt binnen zwei Monaten ihre Entscheidung. Das kann sich doch sehen lassen. Wir hoffen auch, dass wir über die Anträge der Menschen, die schon vor längerer Zeit zu uns gekommen sind, jetzt entscheiden können. Darauf haben sie einen Anspruch. In diesen Verfahren waren in der Regel intensive Recherchen erforderlich, weil beispielsweise die Identitäten nicht zweifelsfrei gewesen sind oder Akten anderer Behörden hinzugezogen werden mussten. Hier werden wir weiterhin gründlich arbeiten, auch wenn es dann ein paar Tage länger dauert.

2016 sind einige Asylbewerber freiwillig nach Hause zurück, weil es finanzielle Anreize dafür gab. Sollten solche Rückkehrhilfen dann nicht ausgebaut werden?

Der Ansatz ist gut. Wir haben ja auch schon Versuche mit Rückkehrberatungen in den Ankunftszentren begonnen. Aber deswegen wird sich die Zahl der Asylanträge auf die Schnelle nicht verringern.

Datum 23.01.2017

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