BAMF - Bundesamt für Migration und Flüchtlinge - Themendossiers - Arbeitstagung "Gemeinsame Kompetenzen nutzen" - Beitrag 5

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Arbeitstagung "Gemeinsame Kompetenzen nutzen"

Kooperationen von Migrantenorganisationen mit anderen zivilgesellschaftlichen Akteuren stärken

Workshop "Migrantenorganisationen als Träger von Mentoringprogrammen für Jugendliche"

Potenziale und Interessen von Migrantenorganisationen (MO) im Bereich des Mentorings von Jugendlichen waren Thema dieses Workshops. Darüber hinaus ging es darum, Kooperationsmöglichkeiten zwischen etablierten Trägern des Jugendmentorings sowie an Mentoringprogrammen interessierten Institutionen und Akteuren auszuloten. Nach einem Referat zum Thema "Migrantenorganisationen als Akteure in Paten- und Mentorprojekten. Ein Beitrag für erfolgreiche Bildungsbiografien" und der Vorstellung des Mentorenprogramms "Ağabey-Abla" diskutieren die Teilnehmenden des Workshops anhand folgender zentraler Fragen:

  • Sind Migrantenorganisationen bereits Träger von Mentoringprogrammen?
  • Können diese Programme ein Betätigungsfeld für sie sein?
  • Welche Potenziale und Ressourcen haben MO als Träger von Mentoringprogrammen?
  • Was ist nötig, damit MO als Träger von Mentoringprogrammen für Jugendliche noch bessere Arbeit leisten können?
  • Welche Kooperationsinteressen von MO mit anderen Trägern von Mentoringprogrammen gibt es?

Mentoren fördern Bildungserfolge von Kindern und Jugendlichen

In ersten Impulsreferat ging Marion Wartumjan von der Servicestelle für Paten- und Mentorenprojekte der Hamburger Stiftung für Migranten von der These aus, dass Bildungsbiographien von Kindern und Jugendlichen mit Migrationshintergrund durch die 1:1-Förderung von ehrenamtlichen Mentoren einen erfolgreicheren Verlauf nehmen können. Besonders informelles Lernen, das in zahlreichen Tandembeziehungen praktiziert und gefördert wird, kann eine Bereicherung – sowohl für die Bildungssituation als auch für die sozialen Kompetenzen des Mentee – bedeuten. Hierbei kommt den Ehrenamtlichen mit und ohne Migrationshintergrund eine besondere Bedeutung zu. Gerade bürgerschaftlich engagierte Migranten bringen sich für Kinder und Jugendliche mit der eigenen Tradition von Ehrenamt ein – dies allerdings zum größten Teil ungesehen und unbemerkt von der breiten Öffentlichkeit. Um das Engagement von Migranten weiter zu fördern, bedarf es vor allem der Vernetzung und der Zusammenarbeit zwischen Migrantenorganisationen und Organisationen der Mehrheitsgesellschaft. Die beteiligten Partner können ihre Ressourcen bündeln, sich austauschen und unterstützen, um beispielsweise Mentoringprogramme gemeinschaftlich zu konzipieren, aufzubauen und durchzuführen. Diese Projekte zeigen ihre positive Wirksamkeit insbesondere im Ausbau der sozialen Kompetenzen, dem gesteigerten Selbstvertrauen und nicht zuletzt in der Verbesserung der Schulnoten des Mentee. Am Ende des Inputs gab die Referentin Empfehlungen zur Zusammenarbeit zwischen Migrantenorganisationen und etablierten Trägern. Im Vordergrund müsse Austausch und Transparenz zwischen den Projektpartnern stehen. Darüber hinaus tragen Erfahrungsaustausch und die Arbeit in Netzwerken zur Qualitätssicherung bei.

Das Stipendien- und Mentorenprogramm "Ağabey-Abla"

Im zweiten Input von Derya Bermek-Kühn, Programmleiterin des Mentorenprogramms "Agabey-Abla", lernten die Teilnehmenden das Stipendien- und Mentorenprogramm kennen, das beim Deutsch-Türkischen Forum Stuttgart e.V. angesiedelt ist. Ziel des Programms ist, die Bildungschancen von türkischstämmigen Schülern zu verbessern und ihre Potenziale durch persönliche Betreuung und Förderung durch einen Mentor in einer 1:1-Beziehung zu entdecken und weiterzuentwickeln. Zu diesem Zweck werden Mentoren mit türkischem Migrationshintergrund angesprochen und eingesetzt. Der monoethnische Ansatz soll dazu beitragen, das Lernen der Mentees durch die Vorbildfunktion der Mentoren zu fördern. Auch gelingt der Aufbau eines engen Vertrauensverhältnisses leichter und die Begegnung auf kultureller und sprachlicher Augenhöhe kann ermöglicht werden. Die Mentoren erfahren ebenso einen Zugewinn durch ihre ehrenamtliche Tätigkeit. Sie erfahren eine Förderung ihrer persönlichen, sozialen und professionellen Kompetenzen. Sie erhalten ein Stipendium und werden durch Fortbildungen, Workshops und Reflexionstreffen weiterqualifiziert.

Die Mentoren unterstützen ihre Mentees durch wöchentlich stattfindenden schulischen Förderunterricht, der in deutscher Sprache abgehalten wird. Auf Wunsch und nach individueller Vereinbarung zwischen Mentor, Mentee und Eltern werden auch die türkischen Sprachkenntnisse gefördert. Neben der Begleitung des schulischen Lernens werden auch außerschulische Aktivitäten zur Stärkung der Persönlichkeit und der sozialen Kompetenzen des Mentee angeboten. Das Programm kooperiert dazu mit mehreren Schulen und außerschulischen Einrichtungen wie Büchereien, Museen oder Theatern.

Viele Mentoringprojekte starten ehrenamtlich

Die Programmleiterin von "Ağabey-Abla" erklärte, dass das Programm nicht religiös ausgerichtet sei. Aus dem Plenum heraus wurde angeführt, dass säkulare Jugendprojekte existieren, die auf die Bedarfe der Teilnehmenden reagieren und interreligiöse Aktivitäten (Besuch von religiösen Einrichtungen) anbieten.

Ein weiterer Punkt, der zur Diskussion beitrug, war der Begriff "Projekt". Auf diesen Begriff wird bei "Ağabey-Abla" bewusst verzichtet, um der zeitlichen Befristung von Mentoringprojekten entgegenzuwirken. Derya Bermek-Kühn gab den Hinweis, dass viele Mentoringprojekte auf Einzelinitiativen zurückzuführen seien, zu Beginn ehrenamtlich durchgeführt würden und sich im weiteren Verlauf professionalisierten. Hier diente das etablierte Mentoringprojekt "Mentor - die Leselernhelfer Hamburg e.V." als Beispiel. Das Projekt und die Tätigkeit von über 600 Mentoren werden ehrenamtlich organisiert und koordiniert und erst kürzlich wurde eine hauptamtliche Stelle eingesetzt. Das Erfordernis, dass Ehrenamt Hauptamt benötigt, wurde nochmals hervorgehoben.

Viele Projekte erhalten, entgegen dem Beispiel der Inputgeberin, keine staatliche Förderung. Sie werden vielmehr von Stiftungen und anderen Institutionen unterstützt. Auch gibt es eine Vielfalt an Projekten, die nicht im schulischen Bereich aktiv sind. Viele Initiativen sind auf die Entwicklung der Persönlichkeit des Mentee ausgerichtet. Die Kinder und Jugendlichen in den Mentorprojekten, die tendenziell einen Migrationshintergrund haben, profitieren von einer erfahrenen Person als Ansprechpartner, der nicht defizitorientiert arbeitet, sondern die nicht erkannten Potenziale des Mentee entdecken möchte. Für Migrantenorganisationen besteht hier die Chance, sich als Träger eines Mentoringprojekts zu etablieren.

Während viele Mentees einen Migrationshintergrund haben, immer mehr ehrenamtliche Mentoren eine Zuwanderungsgeschichte aufweisen und es einige Projektleiter mit Migrationshintergrund gibt, sind Migrantenorganisationen als Träger von Mentorprojekten nur wenig oder kaum bekannt. Hier wäre die Zielgruppennähe der Migrantenorganisationen nutzbar.

Migrantenorganisationen befinden sich im Wandel

Ein Teilnehmer warf ein, dass sich Migrantenorganisationen durch die neue Generation von Migranten im Wandel befänden. Es seien keine monoethnischen Organisationen mehr, die lediglich sozial schwache Kinder und Jugendliche aus der eigenen Community unterstützen müssten. Vielmehr stünden die hohen Potenziale von Jugendlichen mit Migrationshintergrund im Fokus und die Arbeit im interkulturellen Kontext. Auch würden nicht nur migrationspolitische Themen bearbeitet. Es wurde auf das Projekt „Interkulturelles Schülerseminar“ an der Universität Hamburg verwiesen, in dem Kinder und Jugendliche mit Migrationshintergrund auf dem Weg zu Gymnasium und Studium begleitet werden.

Es wurde nochmals bekräftigt, dass sich Migrantenorganisationen wandeln und bereits für die Lösung von Alltagsproblemen der diversen Communities engagieren, jedoch müssten sie sich als Träger weiter professionalisieren und ihre Arbeit sichtbar machen. Hier wurde an die Devise erinnert, dass "Ehrenamt Hauptamt erfordert" und dass die ehrenamtliche Tätigkeit von Migrantenorganisationen auf eine Projektebene befördert werden sollte.

Mentoringprogramme als Mehrwert und als Ergänzungsangebot

Sich auf die Eingangsfragen beziehend erklärte eine Teilnehmerin, dass sich Migrantenorganisationen schon seit etlichen Jahren als Träger für Kinder und Jugendliche im schulischen und sprachlichen Bereich (Schülerhilfe, Sprachkurse) engagierten, diese Arbeit jedoch nicht in der breiten Öffentlichkeit gesehen werde. Es wurde eingeworfen, dass diese Art der schulischen Förderung nicht individuell, meist nicht kontinuierlich und nicht in einem 1:1-Verhältnis mit einem festen Tandempaar erfolge. Mentoringprogramme arbeiten auch nicht ausschließlich im schulischen Bereich. Es gibt zahlreiche Projekte, die die Persönlichkeitsbildung fördern oder im Übergang von Schule in den Beruf engagiert sind. Hier sind Migrantenorganisationen noch gefordert, Ideen zu entwickeln, um nicht nur die schulischen Aspekte der Förderung zu bearbeiten. Darauf wurde entgegnet, dass Mentoringprogramme scheinbar eine Lücke zu füllen versuchen, obwohl es staatliche Förderinstrumente gibt und diese stärker genutzt werden sollten. Vielmehr müsse man Mentoringprogramme als Mehrwert und als Ergänzungsangebot sehen. Sie können u.a. die Potenziale von Mentoren mit Zuwanderungsgeschichte nutzen, um in einem schwerfälligen System Institutionen zu ändern und Schulen interkulturell zu öffnen.

Ein Teilnehmer berichtete von seinen Erfahrungen aus seinen vielfältigen ehrenamtlichen Tätigkeiten. Er betreut zurzeit mehr als 100 Jugendliche, die in einem offenen Jugendtreff zusammenkommen. Er bemängelte, dass wenig Interesse daran geäußert werde, seine Bemühungen zu unterstützen. Es gebe keine finanzielle Förderung seiner Tätigkeit und auch Beratungsstellen seien an keiner Kooperation interessiert. Beratungsstellen fehle häufig der Bezug zu den Jugendlichen, die Unterstützung im beruflichen Bereich suchen. Aus der Erfahrung heraus betonte er, dass Kooperationen zwischen Migrantenorganisationen und einheimischen Trägern nicht funktionieren.

Beispiel einer erfolgreichen Kooperation zwischen Schulen und Trägern

Ein anderes Beispiel zeigt, dass Kooperationen gut gelingen können. In Kiel initiierte eine Migrantenorganisation erfolgreich eine Kooperation zwischen Schulen und Trägern, um die Schulabbrecherquote von sozial benachteiligten Jugendlichen zu senken. Diese Art der Kooperation sei erfolgversprechender als Mentoringprogramme zu betreiben, die nicht alle Kinder und Jugendliche erreichen, lediglich Symptome behandeln und keine Dauerlösungen bieten. Hier wurde appelliert, dass es Aufgabe des Staates sei, schulische Unterstützungsleistungen zu installieren. Es wurde aber auch nochmals betont, dass Mentoringprogramme nicht als Lückenschließer, sondern als Ergänzungsangebot zu verstehen sind.

Viele Migrantenorganisationen engagieren sich bereits für Kinder und Jugendliche. Sie haben Bedarfe erkannt und Initiativen zur Problemlösung gestartet. Daher sei es nicht dienlich, an den Staat zu appellieren. Viele Mentoringprogramme sind Ergänzungen zu staatlichen Angeboten. Besonders die Förderung der Persönlichkeit eines Mentee in einer Patenschaft erzielt gute Erfolge, die andere Institutionen nicht leisten können. Entgegen der Annahme, dass Migrantenorganisationen Jugendlichen keine beruflichen Perspektiven geben können aufgrund von fehlenden Informationen zu unterstützenden Angeboten, sollten Migrantenorganisationen Netzwerke auftun, um geeignete Angebote für ihre Zielgruppen zu finden. Auf der anderen Seite wurde erneut bekräftigt, dass Migrantenverbände sich für die Belange der Kinder und Jugendlichen bereits einsetzen, jedoch nicht auf Projektebene. Die Arbeit werde aufgrund des Bedarfes und aus intrinsischer Motivation heraus betrieben. Nur die Sichtbarmachung des Engagements fehle. Hier herrschte die Vorstellung, dass geförderte Projekte diese Anerkennung und Öffentlichkeit leichter erfahren.

Empfehlungen der Workshop-Teilnehmer

Als Empfehlung wurde ausgesprochen, dass Migrantenorganisationen Unterstützung benötigen, um sich professionalisieren zu können. So kann die "Aktion zusammen wachsen" unterstützend tätig werden, um Informationen für Migrantenorganisationen oder Fortbildungen für Ehrenamtliche, die im Kinder- und Jugendbereich tätig sind, anbieten zu können. Es ist denkbar, regionale Stellen einzurichten, die Informationen für Migrantenorganisationen bündeln, zusammenstellen und sichtbar machen. Dies ermöglicht einen leichteren Zugang zu Angeboten und Informationen für die Bedarfe diverser Zielgruppen der Migrantenorganisationen. Außerdem werden die Bedeutung von Netzwerken und die Arbeit mit Kooperationspartnern für Migrantenorganisationen unterstrichen. In Kooperationen und Netzwerken können Migrantenorganisationen als Träger gestärkt, gefördert und professionalisiert werden. Sie erhalten Unterstützung, um ihre Strukturen aufzubauen, erhalten Zugang zu Ressourcen und Informationen und können mit Blick auf die Zielgruppe zielgerichtet arbeiten und ihr Engagement und ihre Erfahrungen sichtbar machen.

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