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Nachgefragt: Was sagen die Teilnehmer zur Tagung der Migrantenorganisationen?

Datum 15.11.2011

Welche Meinung haben die Teilnehmer zu den Themen Migrantenorganisationen, Integrationsarbeit und Willkommens- und Anerkennungskultur? Wir haben nachgefragt.

Redaktion: Welche Rolle spielen Migrantenorganisationen (MOs) in der heutigen Integrationsarbeit?

Herr Merfin Demir, Interkulturelle Roma-Organisation Torno Drom e.V. (Der junge Weg)

Eine große. Jedoch spiegelt sich das in der Realität nicht wider, zumal die meisten Migrantengruppen nicht organisiert sind. Umso wichtiger ist es, dass von kommunaler und staatlicher Seite Bildungs- und Fortbildungsangebote gemacht werden, um einzelne zu fördern.

Frau Hai Bluhm, Song Hong e.V.

Hai Bluhm

Ich denke, nach wie vor spielen MOs eine sehr wichtige Rolle. Durch sie erhalten die Behörden, der Staat den Zugang zu Migranten. Wir arbeiten an der Basis, wir sind die einzigen, die vermitteln, die auch den Informationsfluss zu der Zielgruppe bringen – und das ist ganz wichtig.

Herr Mehdi Chahrour, Muslime aller Herkunft deutscher Identität

Ich glaube, ohne Migrantenorganisationen geht es nicht. Sie sind vor Ort, haben eine Expertise, die andere sich erwerben müssen und vielleicht niemals erreichen werden. Da gibt es einfach zu viele spezifische Eigenschaften oder ein gewisses Vorwissen, das benötigt wird. Das bringen Migranten mit. Das ist ein Schatz, den man eigentlich vorher hätte entdecken und ausschöpfen müssen.

Herr Kerim Arpad, Deutsch-Türkisches Forum Stuttgart

Kerim Arpad

Ich würde sie nicht immer als 'Migrantenorganisationen' bezeichnen. Für mich sind es Einrichtungen, Bürgerinitiativen, die zwischenzeitlich auf lokaler, regionaler und auf Bundesebene so stark vorhanden sind, dass sie einfach als gleichberechtigte Partner in alle Bereiche des gesellschaftlichen Dialogs einbezogen werden sollten und anhand ihrer Potenziale, die sie einbringen können, beteiligt werden müssen.

Frau Heike Kübler, Deutscher Olympischer Sportbund, Integration durch Sport

Für den organisierten Sport leisten Migrantenorganisationen einen ganz wichtigen Beitrag. Wir lernen voneinander, wir arbeiten miteinander. Aber wir sind noch am Beginn unserer Beziehungsarbeit und wir erhoffen uns von dieser Tagung neue Kontakte und viele gute Gespräche, wie wir Projekte gemeinsam umsetzen können.


Redaktion: Wo sehen Sie Migrantenorganisationen (MOs) in 10 Jahren, was soll bis dahin passiert sein?

Herr Sergej Gergert, Landessportverband Baden-Württemberg, Programm Integration durch Sport

Ich denke, sie (die MOs) sollen besser wahrgenommen werden und ich hoffe, dass das auch so sein wird. Ich wünsche mir, dass sie sich politisch stärker engagieren und sich auch mit zivilgesellschaftlichen Fragen aktiv befassen. Sie sollen nicht nur aufklären und unterstützen, sondern eine ganzheitliche Arbeit leisten.

Herr Merfin Demir, Interkulturelle Roma-Organisation Torno Drom e.V. (Der junge Weg)

Merfin Demir

Ich hoffe, dass wir es in den nächsten zehn Jahren schaffen, mehr Migranten auf der politischen Entscheidungsebene zu haben und dass wir mehr interkulturelle Teams in den Behörden und Institutionen haben werden. Das ist sehr wichtig, um dann noch einmal leichter auf die Zielgruppe der Migranten zuzugehen.

Frau Ayla Ertürk, Deutsch-Türkisches Zentrum Berlin, dtz-bildung & qualifizierung

Ich träume davon, dass die Migrantenorganisationen sich untereinander zu einem großen Dachverband organisieren, zu einem Wohlfahrtsverband wie die AWO, Diakonie oder Caritas. Sie sollen so eine Organisation gründen, um besser Fördermöglichkeiten akquirieren zu können. Dann muss man nicht immer als kleiner Tandempartner zu den großen Verbänden gehen.

Herr Joscha Rascho, Initiative zur Integration kurdischer Migranten in Heidelberg e.V.

Joscha Rascho

Ich hoffe, dass es dann weniger (MOs) gibt und sich dafür die Regierung auf die multikulturelle Gesellschaft eingestellt hat. Zu wünschen ist, dass das Bildungssystem völlig revolutioniert sein wird und die deutsche Sprachförderung für Kinder, die im Moment noch maßgeblich von Vereinen und Organisationen durchgeführt wird, von den Kinderkrippen bis in die Schulen, ausgebaut sein wird. Migrantenorganisationen können dann zwar noch wichtig sein als Plattform, aber die handelnde Kraft sollte der Staat, sollte die Regierung selbst sein – und weniger die kleinen Organisationen.

Frau Silvia Neumann, Behörde für Arbeit, Soziales, Familie und Integration, Hamburg

In den letzten zehn Jahren ist in dieser Richtung schon sehr viel passiert. Gleichzeitig müssen wir noch mehr Ansätze erarbeiten, mit denen wir die Arbeit von Migrantenorganisationen noch stärker gesellschaftlich anerkennen. Das gilt speziell für kleinere Migrantenorganisationen, die fast ausschließlich ehrenamtlich arbeiten. Die Arbeit dieser Migrantenorganisationen muss sichtbarer werden. Das ist ein Impuls in die Richtung, in die es künftig gehen sollte.

Redaktion: Wie können Migrantenorganisationen (MOs) einen Beitrag zum gesellschaftlichen Zusammenhalt, zur Integration in unserer Gesellschaft, leisten?

Frau Seyda Can, DITIB

Integration ist erst einmal ein Prozess von Beidseitigkeit. Da denke ich, ist es ganz wichtig, dass beide Seiten, sowohl die Aufnahme- also die Mehrheitsgesellschaft, als auch die zugewanderten Migranten, also die Menschen mit Migrationshintergrund, sich füreinander interessieren und öffnen.

Herr Merfin Demir, Interkulturelle Roma-Organisation Torno Drom e.V. (Der junge Weg)

Merfin Demir

Ich glaube, die Anerkennung muss von den Migrantenorganisationen hergestellt werden, indem sie sich untereinander anerkennen. Hier würde ich mir vorstellen, dass es unter den Migranten selbst strategische, gezielte Partnerschaften gibt, um so gestärkt bei der Mehrheitsgesellschaft gemeinsame Ziele erreichen zu können.

Frau Silvia Neumann, Behörde für Arbeit, Soziales, Familie und Integration, Hamburg

Migrantenorganisationen sollten daran arbeiten, nach außen hin stärker aufzutreten und die wertvolle Arbeit, die sie machen, auch nach außen hin deutlich zu zeigen. Sie sollten – wie man so schön sagt – nicht nur Gutes tun, sonder auch darüber reden.

Herr Kerim Arpad, Deutsch-Türkisches Forum Stuttgart

Kerim Arpad

'Migrantenorganisationen' haben natürlich ein gewisses Klientel, auf das sie zurückgreifen können. Aber sie haben vor allem auch eine Perspektive, die sie einbringen können in die Diskussion mit Blick auf interkulturelle Öffnungsprozesse und Partizipationsmöglichkeiten, die vielleicht in den traditionellen Diskursen noch nicht so gepflegt werden. Deswegen wäre es wichtig, dass dieser Blick geschärft wird von Leuten, die selber aus dem Bereich kommen, die selber in der Konzeption, in der Ausarbeitung von Programmen und Veränderungsprozessen für gesellschaftliche Themen beteiligt sind. So können sie dazu beitragen, dass man die heutige deutsche Gesellschaft besser in ihrer ganzen Vielfalt widerspiegeln kann.

Herr Mehdi Chahrour, Muslime aller Herkunft deutscher Identität

Der 'typische Migrant' in der Organisation muss raus aus den Integrationsthemen. Er soll nicht nur Beauftragter für das Thema Integration sein, sondern auch in Sachen Wirtschaft, Sport, Kultur tätig sein. Wenn das eintritt, dann haben wir, glaube ich, eine gelungene offene Gesellschaft.


Redaktion: Was verbinden Sie mit dem Begriff Willkommens- und Anerkennungskultur und was kann getan werden, um den Begriff mit Leben zu füllen?

Herr Sergej Gergert, Landessportverband Baden-Württemberg, Programm Integration durch Sport

Für mich bedeutet der Begriff, dass die Leute nicht mit ihrer Herkunft oder äußeren Erscheinung wahrgenommen werden, sondern nach ihrer Qualifikation, nach dem, was sie können. Das geht einher mit der Weltanschauung, dass alle gleiche Rechte und gleiche Pflichten in unserer Gesellschaft haben, unabhängig von Herkunft, Alter und Geschlecht.

Herr Dr. Jean Michel Bollo, centre culturel camerounais e.V., Hamburg

Dr. Jean Michel Bollo

Anerkennung ist immer das, was man bekommt, wenn man etwas geleistet hat. Bis jetzt war das nur zögerlich. Ich komme aus Hamburg und dort haben wir gesehen, dass unsere neue Integrationsbehörde nun auf die Migranten zu kommt. Das hat eine gute Wirkung. Ich denke, dass wir, wenn wir in diese Richtung weitergehen, in zehn Jahren eine bessere Gesellschaft haben werden.

Frau Silvia Neumann, Behörde für Arbeit, Soziales, Familie und Integration, Hamburg

In diesem Bereich können wir ganz viel verändern. Ich war oft auf Kongressen und profitiere immer davon, wenn die Menschen aus anderen Ländern kommen. Neulich habe ich einen Vortrag von einer Britin gehört, die aus einem Land stammt, das sich viel stärker als Deutschland als Einwanderungsland wahrnimmt. Die haben ein tolles System, ein Community-Center, wo Menschen, die schon sehr gut im Land angekommen sind, jene Leute abholen, die gerade erst zugezogen sind. Sie sagen ihnen: 'Wir helfen euch, auch bei den einfachen Dingen.' Es geht so weit, dass sie ihnen zeigen, wie man den Bus nimmt, wo sie einsteigen müssen, oder wo sie den Fahrschein kaufen können. So gibt es ein System, das immer weiter fortgeführt wird. Wenn die Neuankömmlinge selbst im Land angekommen sind, können sie wiederum anderen Neuzuwanderern bei ihrer Integration helfen. Das ist eine gute Idee, die wir auch in Deutschland umsetzen könnten, damit sich Menschen, die neu ins Land kommen, nicht einsam oder überfordert fühlen.

Herr Kerim Arpad, Deutsch-Türkisches Forum Stuttgart

Kerim Arpad

Anerkennungskultur beginnt damit, dass man nicht mehr unterscheidet zwischen "wir" und "die"; dass man sagt, diese Menschen, die vor über 40 oder 50 Jahren zu uns nach Deutschland kamen, sind Teil dieser Gesellschaft. Wenn es noch Benachteiligungen gibt, wenn es noch Probleme gibt, dann müssen diese behoben werden, durch gleichberechtigte Teilhabe und Anerkennung der Potenziale, die diese Menschen mitbringen.

Frau Seyda Can, DITIB

Ich denke, dass sich der Begriff einer Anerkennungskultur schon etabliert hat. Ich blicke da sehr positiv in die Zukunft. Mit den Modellprojekten, die momentan gemacht werden, sind das positive Verhalten und die Bereitschaft, Vorurteile abzubauen auf jeden Fall bereits innerhalb der Gesellschaft angekommen. Das sehe ich und das spüre ich. Es gibt zwar immer Menschen, die einige Sachen zugespitzt darstellen, aber ich bin mir sicher, dass sie eine Ausnahme darstellen. Beide Seiten, sowohl die Migranten als auch die Menschen, die hier ansässig sind, sind bereit für diese Anerkennungskultur und öffnen sich auch in diesem Sinne.

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