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"Integration verändert die Gesellschaft als Ganzes"

Warum wir ein neues Narrativ brauchen

Datum 05.09.2014

Dr. Naika Foroutan ist Sozialwissenschaftlerin an der Humboldt-Universität zu Berlin. Im Rahmen der Tagung "Anerkennungskultur vor Ort" am 8. und 9. September 2014 im Bundesamt für Migration und Flüchtlinge wird sie einen Fachimpuls zum Thema "Anerkennungs- und Ausgrenzungsdynamiken in der Gesellschaft" geben. Wir haben sie im Vorfeld zur Frage interviewt, was Anerkennungskultur ausmacht und wie wir sie etablieren können.

Der Begriff "Willkommenskultur" ist in aller Munde, die Anerkennungskultur dagegen weniger. Woran liegt das?

Lange Zeit waren Integrationspolitik und -maßnahmen sehr konzentriert auf die Gruppe der Migranten. Die Fronten waren dabei geklärt: Die Etablierten gewähren Integration, die Zuwanderer müssen Anstrengungen unternehmen und sich verändern. Von dieser Vorstellung sind wir längst abgerückt. Bei vielen Menschen hat sich aber noch nicht durchgesetzt, dass Integration die Gesellschaft als Ganzes verändert. In dieses veraltete Gedankenkonstrukt passt die Willkommenskultur besser rein, weil wir dann weiter in der Rolle des Gastgebers agieren können. Die Anerkennungskultur zwingt uns dagegen etablierte Strukturen und Rollen zu hinterfragen – sehr viel stärker, als dies die „Willkommenskultur“ tut. 

Warum ist es aus Ihrer Sicht wichtig, sich mit Anerkennungskultur zu beschäftigen?

Wir dürfen nicht unterschätzen, wie wichtig das Thema Anerkennung für den gesellschaftlichen Zusammenhalt und Frieden ist. Gucken wir nach Schweden, wo wir massive Unruhen in den Vororten erlebt haben. In Schweden muss niemand hungern, die Leute haben Zugang zum Bildungssystem, sie sind gesundheitlich und wohnlich versorgt. Strukturelle Integration ist also gewährleistet. Was fehlt, ist aber die symbolische Integration - sprechen wir von Anerkennung. Es reicht also in einer Gesellschaft nicht aus, die strukturellen Integrationsbarrieren aufzuheben. Es müssen auch symbolische Integrationsbarrieren beseitigt werden.

Wie kann diese symbolische Anerkennung erzeugt werden?

In einer Zeit, in der mehr als 16 Millionen Menschen mit Migrationshintergrund in Deutschland leben, muss Vielfalt ein Teil unserer Identität werden. Das fängt schon damit an, dass wir neue Wörter brauchen, um zu beschreiben, was heutzutage deutsch ist. Wir probieren das mit Begriffen wie „neue Deutsche“ beispielsweise.

Außerdem brauchen wir ein neues Narrativ. So wie die USA und Kanada sich dieses Image einer „Nation of Immigrants“ gegeben haben, brauchen wir einen neuen Begriff, um unser Land zu beschreiben. Der Bundespräsident sprach kürzlich von der „Einheit der Verschiedenen“. Das ist etwas, was aufgenommen und als Narrativ weiterentwickelt werden könnte. 

Um eine Anerkennungskultur in Deutschland zu etablieren, muss die Aufnahmegesellschaft erreicht und Vorurteile abgebaut werden. Wie kann das gelingen?

Wovon wir uns verabschieden müssen ist, dass das reine Verbreiten von Wissen ausreicht. Den Leuten mit Statistiken zu zeigen, dass bestimmte Gruppen nicht wie behauptet kriminell oder fundamentalistisch sind, ändert nichts an ihrem Bauchgefühl.

Ich glaube, die besten Strategien zielen darauf ab, mit Erzählungen Narrative zu verändern. In den Köpfen hat sich festgesetzt, dass Deutschland kein klassisches Einwanderungsland ist und erst seit sechzig Jahren Personen aus "fremden" Kulturkreisen hier aufschlagen. Das ist falsch. Deutschland liegt in der Mitte Europas. Die Menschen mussten bei ihren Wanderungen durch Europa das Land durchqueren und sind dann hier geblieben. In manchen Ecken Deutschlands hat die Bevölkerung französisch, sorbisch oder polnisch gesprochen, und ihre Identität war trotzdem deutsch.

Diese Vorstellung, dass Deutschland schon immer homogen war, gilt es beispielsweise durch Schulbücher, im Geschichtsunterricht, in Geographie oder auch im Mathematikunterricht, wo gezielt auf die Herkünfte und Ursprünge unseres Wissenskanons hingewiesen werden kann, aufzubrechen. Auch Kampagnen können ein Mittel sein. In Nordrhein-Westfalen gab es vor 20 Jahren die Aktion „Jeder echte Kölner war einmal Ausländer“. Auch wenn ich die Begrifflichkeiten so nicht mehr verwenden würde, ist es doch ein richtiger Ansatz, den Menschen zu vermitteln, dass Vielfalt für Deutschland nichts Neues ist...

Das Interview führte Zakia Chlihi

Das Programm zur Tagung "Anerkennungskultur vor Ort" finden Sie in der rechten Spalte. Eine Veranstaltungsdokumentation mit den Ergebnissen werden wir im Nachgang auf unserer Homepage veröffentlichen. Auf unserer Facebook-Seite (Link siehe rechte Spalte) berichten wir live von der Veranstaltung.

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Interkultureller Kalender 2018

Der interkulturelle Kalender des Bundesamtes für Migration und Flüchtlinge zeigt die Vielfalt von Feier- und Gedenktagen verschiedener Religionen und Kulturen, die in Deutschland gemeinsam leben. Daher enthält der Interkulturelle Kalender neben den bedeutendsten Feiertagen aus Christentum, Judentum, Islam, Hinduismus, der Sikhs und Jesiden auch gesetzliche und sonstige Gedenktage verschiedener kultureller Traditionen.

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