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Asyl – und dann?

Interview mit Dr. Susanne Worbs, Hauptautorin der BAMF-Flüchtlingsstudie 2014

Datum 14.10.2016

Im Herbst 2013 begann das Forschungszentrum des Bundesamtes für Migration und Flüchtlinge mit der Konzeption einer repräsentativen Studie darüber, in welchen sozialen Strukturen anerkannte Flüchtlinge und Asylberechtigte in Deutschland leben. Zu diesem Zeitpunkt wusste man praktisch nichts darüber, was aus diesen Menschen nach dem Asylverfahren eigentlich wird. Können sie in Deutschland Fuß fassen, besuchen sie Integrationskurse, finden sie Wohnungen und Arbeitsplätze, wollen sie dauerhaft bleiben?

Die bundesweite Befragung wurde nun ausgewertet und die Ergebnisse sind in der BAMF-Flüchtlingsstudie 2014 erschienen. Dr. Susanne Worbs erklärt die Ergebnisse der Studie und die Herausforderungen, welche sich zukünftig in der Integrationsarbeit stellen.

Um wen und worum geht es in der BAMF-Flüchtlingsstudie 2014?

Die BAMF-Flüchtlingsstudie 2014 befasst sich mit Asylberechtigten und anerkannten Flüchtlingen, also den beiden Gruppen mit dem sichersten Rechtsstatus nach dem Asylverfahren. Wir haben uns auf Menschen ab 18 Jahren aus sechs Herkunftsländern (Afghanistan, Eritrea, Irak, Iran, Sri Lanka und Syrien) konzentriert, die ihr Asylverfahren zwischen 2008 und 2012 abgeschlossen haben. Sie leben also schon einige Jahre in Deutschland und verfügen zudem über eine gesicherte Bleibeperspektive.

Unser Ziel war es, die Sozialstruktur und die Lebenssituation dieser Menschen in Deutschland möglichst breit zu erfassen. Dazu gehörten zum Beispiel Fragen zur Wohn- und Haushaltssituation, zu Alter, Geschlecht und Religionszugehörigkeit, zu den sozialen Kontakten und zu schulischen und beruflichen Qualifikationen. Zentral waren natürlich Informationen darüber, ob die befragten Flüchtlinge in Deutschland arbeiten, studieren, eine Ausbildung machen oder sich in anderen Lebenssituationen befinden. Wir haben uns aber auch dafür interessiert, warum sie gerade nach Deutschland geflohen sind, wie sie rückblickend das Asylverfahren bewerten, wie zufrieden sie mit ihrem Leben in Deutschland sind und was sie sich für die Zukunft wünschen.

Ein Balkendiagramm zeigt in Prozent die Häufigkeit der Gründe für die Wahl des ZiellandesGründe für die Wahl des Ziellandes Deutschland nach Häufigkeit der Nennung (in Prozent). Zum Vergrößern bitte klicken. Quelle: @BAMF-Flüchtlingsstudie 2014; n=2.741 gewichtet, Mehrfachnennungen möglich

Wir hatten aufgrund der verhältnismäßig hohen Beteiligung an der schriftlichen Befragung den Eindruck, dass sich viele Teilnehmende gefreut haben, dass sich jemand für ihre Situation und ihre Erfahrungen interessiert. 53 Prozent der angeschriebenen Personen mit verwertbarer Adresse haben geantwortet, das ist im Vergleich mit anderen schriftlichen Befragungen sehr viel.

Welches Ergebnis der Studie hat Sie am meisten überrascht?

Da wir vorher so wenig über unsere Untersuchungsgruppe wussten, war praktisch alles eine Überraschung. Mir persönlich sind vor allem folgende Ergebnisse "hängengeblieben":

Die befragten Flüchtlinge sind intern eine sehr heterogene Gruppe. Es gibt viele Familien mit meist kleinen Kindern, aber auch jüngere, ledige Männer oder ältere Frauen, die ohne Partner und Kinder in Deutschland leben. Auch die religiöse Vielfalt ist groß, Christen, Yeziden, Muslime und Hindus waren die wichtigsten Gruppen in unserer Befragung. Und auch der Bildungsgrad ist extrem unterschiedlich, Akademiker stehen neben Menschen, die nie eine Schule besucht haben.

Gleichzeitig gibt es Ähnlichkeiten darin, wie die befragten Personen ihre Zukunft sehen: Die Mehrheit der Flüchtlinge will in Deutschland bleiben und sich hier ein Leben aufbauen, und zwar auf eigenen Füßen und ohne Hilfe vom Staat. Dies gelingt noch nicht allen, die materielle Situation ist oft bescheiden und die Beteiligung am Arbeitsmarkt ausbaufähig. Aber die Motivation ist da, oft basierend auf einer Dankbarkeit, dass Deutschland ihnen Schutz gewährt hat. Dies hat mich persönlich sehr berührt.

Ein interessanter Aspekt war daneben noch, dass die Befragtengruppe aus Sri Lanka einige besondere Muster zeigt. Dieses Herkunftsland spielt aktuell in der Asylzuwanderung keine wichtige Rolle mehr, man kann an diesen Flüchtlingen jedoch exemplarisch sehen, wie sich die Dinge längerfristig entwickeln können. Tamilen aus Sri Lanka kommen ja schon seit Jahrzehnten in die Bundesrepublik, es ist also ein gewisses Netzwerk da, anders als beispielsweise bei den syrischen Flüchtlingen. Wir haben festgestellt, dass unter anderem die Erwerbsbeteiligung der srilankischen Flüchtlinge viel höher als in den anderen Herkunftsgruppen, wahrscheinlich weil sie eben über Netzwerke an diese Stellen kommen. Allerdings sind es – wie bei den meisten Flüchtlingen – überwiegend gering bis mittel qualifizierte Stellen in "typischen" Branchen wie der Gastronomie und in der Logistik. Deshalb stellt sich die Frage, wie es gelingen kann, die Flüchtlinge weiter zu qualifizieren, um ihnen Wege auch in andere Arbeitsmarktsegmente zu eröffnen.

Wie klappt es mit der Integration der anerkannten Flüchtlinge insgesamt und was gibt es Ihrer Meinung nach noch zu tun?

Positiv ist aus meiner Sicht ist, dass über 80 Prozent der Befragten inzwischen in Mietwohnungen leben, also nicht mehr in Gemeinschaftsunterkünften, und das ebenfalls über 80 Prozent mindestens einen Deutsch-Sprachkurs besucht haben (zumeist einen Integrationskurs des BAMF). Von den Integrationskursteilnehmern mit bereits abgeschlossenem Kurs haben über 90 Prozent ein Zertifikat erworben, mehrheitlich auf B1-Niveau. Kontakte zu Deutschen in der Nachbarschaft und im Freundeskreis finden häufiger statt als solche zu anderen Migranten, und die Bleibe- und Einbürgerungsabsicht in Deutschland ist sehr ausgeprägt. Eine deutliche Mehrheit der Flüchtlinge ist mit ihrem Leben relativ zufrieden. Wo es noch hapert – sowohl objektiv als auch bei der subjektiven Zufriedenheit – ist die Arbeitsmarktbeteiligung und damit zusammenhängend das Einkommen. Nur ein gutes Drittel der Flüchtlinge war zum Befragungszeitpunkt erwerbstätig, in mehr als 60 Prozent aller Haushalte wird mindestens eine staatliche Transferleistung bezogen. Dies entspricht aber keineswegs den Wünschen der Befragten. Denn die Motivation der Flüchtlinge ist es, ein selbständiges Leben in Deutschland zu führen, das hat die Studie deutlich gezeigt.

Ich halte es für eine der wichtigsten Aufgaben der nächsten Jahre, diese Motivation – die ich auch bei den "neueren" Flüchtlingsgruppen, die insbesondere ab 2015 gekommen sind, unterstelle – zu erhalten und frühzeitig und gezielt in den Spracherwerb, die Bildung und die Arbeitsmarktbeteiligung zu investieren. Daneben müssen die Asylverfahren zügig abgewickelt werden, um rasche Sicherheit über die Aufenthaltsperspektiven zu schaffen. Genau dies wird ja mit den gesetzlichen und den Verfahrensänderungen, die es seit 2015 gab (innerhalb des Bundesamtes durch das Integrierte Flüchtlingsmanagement und die Digitalisierung von Prozessen), auch angestrebt.

Die Flüchtlinge, die wir befragt haben, sind deutlich vor 2015 nach Deutschland gekommen, und bei ihnen scheint noch (zu) vieles vom Zufall und den richtigen Kontakten abhängig gewesen zu sein. Die Integration wird dauern und viel Geld kosten. Aber dieses Geld ist gut angelegt, selbst dann, wenn ein Teil der Flüchtlinge wieder in die Herkunftsländer zurückkehrt. Denn auch für den Wiederaufbau zum Beispiel in Syrien sind Menschen, die in ihrem zwischenzeitlichen Exil eine neue Sprache gelernt und sich beruflich qualifiziert haben, sehr wertvoll.

Hervorhebung_Gesetzgebung: Hintergrundinformationen zur BAMF-Flüchtlingsstudie 2014

  • Es handelt sich um eine repräsentative Studie: Zufallsstichprobe aus dem Ausländerzentralregister (AZR). Aus forschungspraktischen Gründen sind Flüchtlinge, die in Ostdeutschland sowie in kleineren und mittleren Kommunen leben, zu geringeren Anteilen in der Studie vertreten, als es ihrem tatsächlichen Anteil entspricht. Allerdings ist dies ohnehin nur eine kleine Gruppe.
  • Bundesweit befragt wurden Asylberechtigte und anerkannte Flüchtlinge aus den sechs Herkunftsländern Afghanistan, Eritrea, Irak, Iran, Sri Lanka und Syrien ab einem Alter von 18 Jahren, die ihren Status im Asylverfahren zwischen 2008 und 2012 erhalten haben.
  • Die Befragung erfolgte zwischen Juli 2014 und September 2014.
  • Der Fragebogen konnte von den Angeschriebenen auf Deutsch oder in einer in ihrem Herkunftsland geläufigen Sprache ausgefüllt werden.

In der rechten Spalte stehen drei zitierfähige Antworten im O-Ton als Audio-Datei zur Verfügung.

Medienvertreterinnen und -vertreter wenden sich mit Anfragen bitte an die Pressestelle des Bundesamtes.

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Wichtige Mitteilung

Ausschreibung zur Förderung von Integrationsprojekten im Förderjahr 2018

Das Bundesamt für Migration und Flüchtlinge (BAMF) fördert im Auftrag des Bundesministeriums des Innern (BMI) und des Bundesministeriums für Familie, Senioren, Frauen und Jugend (BMFSFJ), ergänzend zu den gesetzlichen Integrationsangeboten (Integrationskurse, Migrationsberatung für erwachsene Zuwanderinnen und Zuwanderer, Jugendmigrationsdienste), Projekte zur gesellschaftlichen und sozialen Integration von Zuwanderinnen und Zuwanderern. Anträge können bis einschließlich 15.09.2017 beim BAMF eingereicht werden.

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