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Studie: Integration von Türkeistämmigen in Deutschland

Datum 16.10.2018

In ihrem Working Paper zu "Türkeistämmigen in Deutschland" untersucht Susanne Schührer den Stand der Integration von Personen der ersten und zweiten Generation aus der Türkei. Die Studie gibt interessante Einblicke in die Lebensrealitäten und die Identifikation der Türkeistämmigen in Deutschland. Integration ist dabei als das Zusammenspiel unterschiedlicher Menschen innerhalb einer Gesellschaft zu verstehen. Weshalb gerade die Studie zu Türkeistämmigen in Deutschland fundierte Daten für Rückschlüsse in Bezug auf die Integration neuer Zuwandernder liefern kann und welche Schlüsse gezogen werden können, erklärt Susanne Schührer im Kurzinterview:

Warum betrachten Sie die Gruppe der Türkeistämmigen in Deutschland und warum eignet sich die RAM Studie 2015 dafür so gut?

SCHÜHRER:Die Türkeistämmigen bilden die größte Zuwanderungsgruppe aus einem Herkunftsland in Deutschland. Ihre Einwanderungsgeschichte geht bis in die 1950er-Jahre zurück. Daher leben hier nicht nur Personen, die selbst aus der Türkei eingewandert sind (erste Generation), sondern auch deren Nachfahren, die in Deutschland geboren wurden (zweite Generation) und die zum Teil auch selbst wieder Kinder bekommen haben. Zur ersten Generation zählen jedoch nicht nur die sogenannten "Gastarbeiter", sondern auch die Zuwanderer aus den folgenden Jahren danach. Die Gruppe der Türkeistämmigen ist also eine sehr heterogene Gruppe, anhand derer mehrgenerationale Integrationsprozesse beobachtet werden können.

Die Repräsentativuntersuchung "Ausgewählte Migrantengruppen in Deutschland 2015" (RAM) eignet sich dafür hervorragend, da auf repräsentativer Basis nicht nur Personen mit türkischer Staatsangehörigkeit befragt wurden, sondern auch Deutsche mit türkischem Migrationshintergrund.

Was sind die Unterschiede im Stand der Integration zwischen erster und zweiter Generation und welcher Zusammenhang ergibt sich laut Studie zwischen Staatsangehörigkeit und Integration?

SCHÜHRER: Integration ist ein Prozess und kein Zustand. Dies lässt sich besonders gut über die Generationen hinweg beobachten: Die zweite Generation Türkeistämmiger ist in Deutschland geboren und aufgewachsen. Sie sprechen in der Regel fließend Deutsch und die Geschlechterunterschiede, zum Beispiel in der Bildung, die in der ersten Generation noch sehr ausgeprägt sind, verkleinern sich deutlich.

In Bezug auf die Staatsangehörigkeit zeigt sich, dass Personen mit deutscher Staatsangehörigkeit besser integriert sind, durchschnittlich eine höhere Bildung haben und besser Deutsch sprechen als Personen mit türkischer Staatsangehörigkeit. Die Staatsangehörigkeit hat Effekte in zwei Richtungen: Zum einen verbessert die Annahme der deutschen Staatsangehörigkeit die Integration, beispielsweise durch eine höhere Identifikation mit Deutschland und die damit verbundene rechtliche Gleichstellung mit anderen Deutschen, was unter anderem bessere Chancen auf dem Arbeitsmarkt eröffnet. Zum anderen lassen sich besonders gut integrierte Personen häufiger einbürgern, da zur Annahme der deutschen Staatsangehörigkeit hohe Anforderungen an die Integration bestehen.

Des Weiteren überschneiden sich die Generationen und Staatsangehörigkeit: Etwa die Hälfte der Personen der zweiten Generation hat die deutsche Staatsangehörigkeit, während die Mehrheit der ersten Generation die türkische Staatsangehörigkeit hat. Deshalb sind Generationeneffekte und Effekte der Staatsangehörigkeit nicht immer komplett voneinander zu trennen. Letztendlich spielt auch die Altersverteilung eine Rolle: Im Durchschnitt ist die erste Generation natürlich deutlich älter als die zweite. Es finden sich sogenannte Kohorteneffekte. Die zweite Generation, beziehungsweise diejenigen der ersten Generation, die erst in den letzten Jahren zugewandert sind, wachsen in einer ganz anderen Zeit auf. Beispielsweise hat sich die technologische und wirtschaftliche Situation in den letzten Jahrzehnten stark verändert und immer mehr Leute in Deutschland haben eine bessere Bildung. Davon profitieren natürlich vor allem die jüngeren Kohorten.

Welche Erkenntnisse können wir aus den Daten zur Integration der Türkeistämmigen ziehen, die auf die Integration anderer Zuwanderergruppen übertragen werden könnten? Welche Rückschlüsse ermöglicht die Studie hier für künftige Integrationsansätze?

SCHÜHRER:Aus der Forschung wissen wir mittlerweile vieles, was ein gutes Ankommen erleichtert oder erschwert. So erschwert räumliche Segregation – also die räumliche Trennung von anderen Teilen der Gesellschaft – die Kontaktaufnahme zur lokalen Bevölkerung. Die Zugewanderten haben weniger Chancen über Nachbarschaftskontakte sozialen Anschluss zu finden und ihre Deutschkenntnisse weiter zu verbessern oder zu verfestigen. Bilden sich sogar ganze separate Stadtteile aus, so finden sich diese Menschen häufig in einer Gegend mit schlechter Infrastruktur, wenig Freizeitangeboten sowie prekären Ausbildungssituationen wieder. Die Chancen, sich aus diesem Milieu wieder wegzubewegen, sind gering. Dies gilt auch für die Kinder. Einen weiteren Grund räumliche Segregation zu vermeiden, stellt die sogenannte Kontakthypothese dar: mit häufigeren Gelegenheiten für persönliche Kontakte steigt auch die Akzeptanz der Bevölkerung gegenüber Zuwanderern.

Ein weiteres Problem, mit dem wir uns heute konfrontiert sehen, ist das sogenannte Integrationsparadox. Obwohl die zweite Generation meist fließend Deutsch spricht und in Deutschland geboren und aufgewachsen ist, fühlt sie sich weniger integriert als die erste Generation. Auf der einen Seite fühlt sich die zweite Generation durchaus mit Deutschland verbunden, auf der anderen Seite steht aber das Gefühl von der Gesellschaft immer noch als "Ausländer" gesehen zu werden.

Dem kann die Aufnahmegesellschaft über eine größere Offenheit aktiv entgegenwirken. Ziel sollte sein, ein generationen- und staatsangehörigkeitsübergreifendes Gefühl des "Dazugehörens" zu vermitteln. Jedoch muss dazu gesagt werden, dass die überwiegende Mehrheit der zweiten Generation sehr gut integriert in Deutschland lebt und es vielen erfolgreich gelingt eine Brücke zwischen den beiden Welten zu schlagen. Dies geht aus den Zahlen in der Studie deutlich hervor.

Hinweis: Zur vollständigen Studie gelangen Sie über den Downloadlink in der rechten Spalte.

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Dr. Susanne Schührer

Migrations- und Integrationsforschung
Forschungsfeld II "Integration und gesellschaftlicher Zusammenhalt"

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