BAMF - Bundesamt für Migration und Flüchtlinge - Projekt des Monats - Fluchtgeschichten, erzählt aus anderer Sicht

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Fluchtgeschichten, erzählt aus anderer Sicht

Integrationsprojekt des Monats Dezember

Datum 21.12.2016

Die Stiftung für die Internationalen Wochen gegen Rassismus initiiert einen Video-Wettbewerb für Geflüchtete. Das Motto des Projekts lautet "Aus meiner Sicht". Aus mehr als 60 Beiträgen prämiert die Jury fünf Clips – zwei mehr als ursprünglich geplant.

Ami Beno Awlime ist eine junge Frau und hat genaue Vorstellungen von ihrer Zukunft. In fünf Jahren sieht sie sich mit fester Stelle in einem "sozialen Bereich" arbeiten; sie möchte verheiratet sein und "ein, vielleicht aber auch schon zwei Kinder haben". Ami ist Flüchtling, stammt aus dem Togo und lebt in Stuttgart.

Über sich und ihre Pläne spricht die Mittzwanzigerin in einem Video. Die Zuschauer begleiten sie in ihre Unterkunft, in die Gemeinschaftsküche und in das Zimmer, das sie mit drei anderen Frauen teilt. "Wir kommen aus verschiedenen Ländern, haben unterschiedliche Kulturen und Mentalitäten", sagt Ami in die Kamera. Was das bedeutet, erklärt sie im ruhigen Ton und mit freundlichem Gesichtsausdruck: "Wir haben gar keine Privatsphäre; es gibt immer wieder Streit und manchmal habe ich das Gefühl zu ersticken."

Ein Leben, erzählt in fünf Minuten

Ami erzählt über ihr Leben als Geflüchtete, lässt Anteil nehmen an ihren Wünschen, Hoffnungen und Plänen. Und das alles in einem fünf Minuten dauernden Clip. Damit beteiligte sie sich an dem Video-Wettbewerb der Stiftung für die Internationalen Wochen gegen Rassismus. Unter dem Motto "Aus meiner Sicht" hatte die Stiftung im Oktober bundesweit Geflüchtete dazu aufgerufen, drei bis fünf Minuten lange Beiträge einzureichen. Erzählt werden sollte aus subjektiver Perspektive. Die Videos durften dokumentarisch oder auch kreativ umgesetzt sein.

Die Idee für den Wettbewerb hatte das Team der Stiftung gegen Rassismus. Zurückzuführen ist sie unter anderem auf die Beobachtung, dass deutsche Medien zwar viel über Geflüchtete berichten, in den Beiträgen aber die Perspektive der Betroffenen zu kurz kommt. Teilnehmer aus Ländern wie Syrien, Afghanistan, Somalia, Togo und Eritrea reichten bis zum Einsendeschluss am 30. November 63 Beiträge ein - "traurige und witzige, nachdenkliche und kritische Videos", wie es Projektkoordinatorin Paula Scherer zusammenfasst.

Die Gewinnerinnen des 3. Platzes und  Projektleiterin Paula Scherer zeigen ihre Urkunde in die KameraProjektleiterin Paula Scherer mit den Trägerinnen des dritten Preises, Ami Beno Awlimes und Aster Walter-Fessyade (von links) Quelle: Canan Topçu

Fünf statt drei Beiträge prämiert

Drei aus 63 prämieren: Der Jury fiel die Wahl nicht leicht, also entschied sie sich, die Zahl der prämierten Beiträge um einen Sonderpreis und um zwei dritte Plätze zu erweitern. Und so teilt sich Ami, wie sich die Mittzwanzigerin im Video vorstellt, den dritten Platz mit Aster Walter-Fesshaye.

Aster Walter-Fesshayes Geschichte, so sahen es die Juroren, könnte eine Art von Fortführung von Ami Beno Awlimes Leben sein: Die 50-Jährige war einst auch Flüchtling. Mittlerweile ist die aus Eritrea stammende Frau in Lorsch zuhause. Nunmehr hilft sie anderen Geflüchteten beim Ankommen und Einleben in diesem Land. Aster Walter-Fesshaye mache den nach Deutschland geflüchteten Menschen "Hoffnung und Mut, indem sie ausstrahlt: Ihr habt hier eine sichere Zukunft und könnt hier eure neue Heimat finden": So begründete Projektkoordinatorin Paula Scherer bei der Preisverleihung in Mainz die Entscheidung der Jury, auch den Beitrag von Aster Walter-Fessyade mit dem dritten Preis auszuzeichnen.

Stiftungsvorsitzender Dr. Jürgen Micksch (l.) im Gespräch mit Projektleiterin Paula Scherer (r.) Stiftungsvorsitzender Dr. Jürgen Micksch (l.) im Gespräch mit Projektleiterin Paula Scherer (r.) Quelle: Carsten Costard


Einfach nur ein Mensch - mit einem Lachen, das ansteckt

Der zweite Platz geht an den 27-Jährigen Nadeem Hwry. Nachdem er schwimmend das Meer zwischen der Türkei und Griechenland überquerte, weinte er. Dann rief er seine Mutter an und sagte ihr: "Der Tiger hat es geschafft!" Sowohl über seine Flucht als auch über die Zeit danach spricht der junge Syrer in einer lebensbejahenden Art, die begleitet wird von seinem herzlichen Lachen. Ein Lachen, das ansteckt und einem den Titel des drei Minuten langen Clips nahebringt: Die Flüchtlinge sind "Just people", also einfach nur Menschen.

Der Integrationsbeauftragte Rheinland Pfalz und der Zweitplatzierte des Videowettbewerbs schauen in die KameraBegeisterte mit seinem Film "Just People" die Jury: Nadeem Hwry, zweiter Preisträger des Videowettbewerbs (l.) mit Miguel Vicente (r.), Integrationsbeauftragter Rheinland-Pfalz Quelle: Carsten Costard



Nicht an ein oder zwei, sondern gleich an sieben Personen geht der erste Preis des Video-Wettbewerbs. "Vorurteile" hat die Gruppe - die Teilnehmenden eines Deutschkurses in Hamburg - ihren Beitrag genannt. Der Kurzfilm spielt gekonnt mit den "Erwartungshaltungen, Sehgewohnheiten und – wenn auch unbewussten – Vorurteilen der Zuschauer", so das Urteil der Jury. So erfährt eine vermeintlich bedrohlich wirkende Szene plötzlich eine andere Wendung, etwa wenn einer der Protagonisten im Film in der einen Sekunde ein Messer zückt, in der anderen einen Apfel aus seiner Tasche herausholt und beginnt, diesen mit dem Messer zu schälen. Musaab Alibrahim, Sabrin Abuissa, Mohammad Issa, Bashar Ahmad, Zeinab Maamo, Omar Hammad und Philip Mordecai haben den Beitrag gemeinsam produziert und wollen das Preisgeld, 1000 Euro, gemeinsam ausgeben - auf einer Berlintour.

Die Gewinner des Videowettbewerbs, eine Gruppe aus Männern und Frauen, freuen sich über den ersten PlatzDie Teilnehmenden eines Sprachkurses in Hamburg folgten dem Aufruf der Stiftung und produzierten gemeinsam einen Videobeitrag. Sie wurden mit dem 1. Platz ausgezeichnet. Quelle: Canan Topçu


Perspektivwechsel zeigt Wirkung

Den Sonderpreis erhielt Adnan Orbine, ein aus Damaskus stammender Künstler. Er hat sich nicht direkt mit seiner eigenen Fluchterfahrung auseinandergesetzt, sondern mit einem Kunstgriff das Leid von Kriegsopfern dokumentiert. Statt realen Personen folgt der Zuschauer nämlich der Flucht von Protagonisten aus Scherenschnitt.

Mit diesem Video-Wettbewerb wollte die Stiftung um einen Perspektivwechsel werben und dazu beitragen, Vorurteile gegen Geflüchtete abzubauen. Wer es unter die ersten 30 Bewerber geschafft hat, bekommt die Gelegenheit, eine Veranstaltung zu organisieren, auf der die eigene Produktion gezeigt werden kann. Die Filme dienen dabei als Diskussionsgrundlage, um den Austausch zwischen Menschen mit und ohne Fluchterfahrung anzuregen.

Ab voraussichtlich Januar werden die Filme auf der eigens dafür eingerichteten Internetseite videowettbewerb-aus-meiner-sicht.de präsentiert.
Erste Wirkung zeigte das Projekt noch vor der Prämierung der Beiträge. Ami postete ihr Video kurz nach der Produktion auf ihrer eigenen Facebookseite. Ein Ehepaar aus Stuttgart sah den Clip zufällig und bot ihr daraufhin an, bei ihnen zu wohnen. Ein Angebot, das Ami gerne annahm.

Text: Canan Topçu

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Wichtige Mitteilung

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Die verschiedenen Perspektiven des Integrationsprozesses am Beispiel des Sports zu zeigen, ist Ziel eines Fotowettbewerbs des Bundesprogramms "Integration durch Sport." Der Fotowettbewerb "Mein Leben im Verein" richtet sich an Menschen mit Zuwanderungsgeschichte, die in einem Verein Sport treiben. Gefragt ist ihre Sicht auf diese Kultureinrichtung: auf die Mitglieder, die sportlichen und nicht sportlichen Angebote, die Regeln, die Wettbewerbe, den Umgang miteinander und mit den Vereinstraditionen. Noch bis zum 1. Oktober 2017 können alle Interessentinnen und Interessenten an dem Wettbewerb teilnehmen.

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