BAMF - Bundesamt für Migration und Flüchtlinge - Projekt des Monats - Sich für andere engagieren und selbst profitieren

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Sich für andere engagieren und selbst profitieren

Integrationsprojekt des Monats März

Datum 28.03.2017

Im Projekt "Students meet Society" engagieren sich Studierende mit Migrationshintergrund sowie internationale Studierende ehrenamtlich und stärken ganz nebenbei eigene Kompetenzen. Das wirkt sich nicht nur positiv auf den Studienerfolg aus, sondern auch auf ihre Teilhabe an der Gesellschaft.

Wenn die Studentin Joana Rexho und der Student Ali Kumbarji in den Hort der Grundschule "August Hermann Francke" in Halle kommen, dann wissen die Mädchen und Jungen, die nach der Schule dort betreut werden, dass ihnen ein spannender Nachmittag bevorsteht. Über das Projekt "Students meet Society" kommen Joana und Ali regelmäßig in den Hort, um mit den Kindern Experimente und besondere Bastelaktionen durchzuführen. "Das macht großen Spaß", finden die Schülerinnen und Schüler, die dank Ali und Joana in spielerischer Weise schon viel über die Klimazonen der Erde, physikalische Erscheinungen wie die Oberflächenspannung des Wassers, Origami-Faltkunst oder das Herstellen von Pralinen gelernt haben.

Ein Mädchen und eine junge Frau führen ein Experiment mit Wasser durch. Joana (links) hilft bei den Experimenten. Quelle: Claudia Crodel

"Students meet Society" ist ein gemeinsames Projekt der Martin-Luther-Universität Halle-Wittenberg (MLU) und der Freiwilligen-Agentur Halle-Saalkreis, das die Integration von Studierenden mit Migrationshintergrund und internationalen Studierenden zum Ziel hat. Inhalt des Projekts ist es, Studierende für ehrenamtliches Engagement zu begeistern. So soll nicht nur ihre gesellschaftliche Teilhabe verbessert, sondern auch der Wunsch geweckt werden, in Deutschland zu bleiben und die an der Universität erworbenen Fachkenntnisse in die Gesellschaft einzubringen: "Die MLU setzt auf die Verbesserung des wechselseitigen Wissenstransfers zwischen Hochschule und Zivilgesellschaft", betonte Prof. Dr. Wolf Zimmermann, Prorektor für Studium und Lehre an der MLU, bei der Auftaktveranstaltung des Projekts im vergangenen Jahr.
Welches Engagement das richtige für sie ist, können die Studierenden in einer professionellen Beratungsstelle an der MLU erfahren, die eigens für das Projekt aufgebaut wurde. Die Freiwilligen-Agentur unterstützt die Studierenden in der Beratung bei der Suche nach für sie geeigneten Projekten und begleitet sie dabei. Die Betätigungsfelder sind vielfältig. Da gibt es neben den Nachmittagen im Kinderhort, Besuchsdienste im Seniorenheim, Schülernachhilfe in naturwissenschaftlichen Fächern, Hilfe bei der Aufklärung im Verbraucherschutz oder das Aufpeppen der Homepage eines gemeinnützigen Vereins. Gemeinsam ist allem Engagement, dass es in gemeinnützigen Organisationen stattfindet.

Zwei Frauen und ein junger Mann sitzen um einen runden Tisch und sprechen Termine ab.Joana (2. von links) und Ali (rechts) besprechen mit Hortleiterin Christiane Lubaczowski das Programm für die Betreuungsnachmittage. Quelle: Claudia Crodel

Echte Teilhabe, vielfältige Kontakte

Das auf diese Weise selbst gewählte und selbst bestimmte gesellschaftliche Engagement der Studierenden bringe viele Vorteile, so Christine Sattler, Projektleiterin der Freiwilligen-Agentur. Es gehe schließlich darum, dass die Studierenden aus anderen Herkunftsländern nicht nur Adressaten von Unterstützungs- und Betreuungsaktivitäten sind, sondern sich auch selbst freiwillig engagieren.

Ali und Joana leiten die Kurse im Hort nicht allein, sondern gemeinsam mit zwei deutschen Studentinnen. "Wir sind ein richtig gutes Team, haben viel Spaß beim Vorbereiten und Durchführen der Kurse", meint Joana, die aus Albanien stammt, mehrere Deutschkurse absolviert hat und nun im ersten Semester Erziehungswissenschaften studiert. Anfangs habe das Studierenden-Team überlegt in ihren Kursen, die verschieden Herkunftsländer, aus denen sie stammen, vorzustellen. Das habe eigentlich auf der Hand gelegen, denn im Hort der Grundschule, die in der ehemaligen Schulstadt des Waisenhausgründers August Hermann Francke liegt, werden Kinder aus 25 unterschiedlichen Kulturen betreut. "Aber dann hätten wir ja unsere Unterschiede betont. Da fanden wir es besser, dass wir einfach alle etwas zusammen machen", betont Joana.

Ein Junge sitzt am Schreibtisch über sein Experiment gebeugt.Stefan, Schulkind im Hort, ist ganz konzentriert bei der Sache. Quelle: Claudia Crodel



Für die Albanerin ist das freiwillige Engagement aber noch aus einem anderen Grund wichtig: "Es hat mir sehr geholfen. In unserem Studiengang sitzen 210 Studierende. Ich kannte keinen, mein Deutsch klang immer noch komisch. Durch das Projekt habe ich Kontakte bekommen und auch gemerkt, dass es gar nicht so schlimm ist, wenn man mal etwas falsch sagt", erzählt die junge Frau. Die Kinder würden sie dann verbessern und das hätte ihr beim Erwerb der schweren Sprache schon sehr geholfen und dazu beigetragen, Hemmungen abzubauen.
Auch Ali, der in Syriens Hauptstadt Damaskus aufgewachsen ist, schwärmt von "Students meet Society". Anlass für die ehrenamtliche Tätigkeit im Hort war für ihn vor allem der Umstand, dass ihn das im Vergleich zu seiner Heimat völlig andere Leben in Deutschland sehr interessiert. "Ich wollte wissen, wie Kinder hier leben und wie sie erzogen werden", erzählt er. Der 26-Jährige, der bereits seit 2010 in Deutschland ist, studiert Business Economy an der MLU. Das Leben in Deutschland war für ihn anfangs sehr fremd und nicht ganz einfach. Doch er habe in der Uni schnell gute Kontakte zu jungen Deutschen und deren Familien knüpfen können. Dadurch hat er die deutsche Umgangssprache gut gelernt. "Ich fühle mich mittlerweile mehr wie ein Deutscher als wie ein Syrer", sagt er lachend. Nach dem Studienabschluss, den er in diesem Jahr anstrebt, möchte er sich übrigens in Deutschland selbstständig machen. Auch Joana, vor der noch ein langer Weg bis zum Abschluss des Studiums liegt, möchte in Deutschland bleiben und hier später in einer Kindereinrichtung arbeiten.

Bedarfserhebung bei den Studierenden

"Students meet Society", das als Projekt seit 2016 läuft und vorerst bis 2019 angesetzt ist, hat verschiedene Projektphasen. Am Anfang stand die Bedarfsanalyse der Zielgruppe: "Die Bedarfserhebung bei 300 Studierenden mit Migrationshintergrund beziehungsweise internationalen Studierenden hat verdeutlicht: Die Studierenden schätzen selbst ein, dass Engagement ein Türöffner in die Gesellschaft und ein Ausgangspunkt für soziale Kontakte ist", erläutert Christine Sattler. Neben den Studierenden profitieren aber auch diejenigen, für die sich die jungen Menschen ehrenamtlich engagieren. So erlebt auch die Leiterin des Horts der Grundschule "August Hermann Francke", Christiane Lubaczowski, die Arbeit mit den ausländischen Studierenden als Gewinn: "Sie bringen ganz unterschiedliche Kulturen mit ein. Das bereichert die Angebote unserer Einrichtung sehr", freut sie sich.
Das Projekt erweitert aber auch das Wissen und die Handlungsmöglichkeiten des International Office der Universität. So verspricht sich Dr. Manja Hussner, Leiterin des International Office, "wichtige Erkenntnisse für unsere Arbeit über die Bedarfe und Erfahrungen von internationalen Studierenden."

Die Projektleiterin steht vor einem Werbeplakat des Projekts "Students meets society"Christine Sattler von der Freiwilligen Agentur Halle-Saalkreis betreut das Projekt "Students meet society" Quelle: Claudia Crodel

Professionelle und wissenschaftliche Fundierung

Diese Erkenntnisse sollen vor allem durch die wissenschaftliche Begleitung des Projekts gewonnen werden. Hierfür werden die am Projekt Beteiligten regelmäßig mittels Fragebogen zu verschiedenen Aspekten befragt: Welche Erfahrungen und Erkenntnisse gewinnen internationale Studierende und Studierende mit Migrationshintergrund im Engagement? Kommt es zu interkulturellen Veränderungen der beteiligten gemeinnützigen Organisationen und welche Effekte hat Engagement für das Studierverhalten, den Studienerfolg und die gesellschaftliche Teilhabe der internationalen und auch deutschen Studierenden?
Den Mehrwert der empirischen Begleitung sieht Dr. Holger Backhaus-Maul, wissenschaftlicher Projektleiter der MLU, vor allem im Gewinn von Erkenntnissen über einen bisher gesellschaftlich wie wissenschaftlich zu wenig beachteten Bereich: "Engagement ist in seinen vielfältigen Ausprägungen eine wichtige und zugleich in Deutschland nach wie vor unterschätzte Lernform. Mit dem Projekt erschließen Universität und Freiwilligen-Agentur diese Lernwelten im Kontext professioneller Non-Profit-Organisationen."
Im Verlauf des Projektes sollen die Erkenntnisse und Erfahrungen auch anderen Hochschulen in Deutschland zugänglich gemacht werden, so Holger Backhaus-Maul und Christine Sattler. Beide würde es freuen, wenn der Funke der Begeisterung auch auf andere Hochschulstandorte überspringt.

Text: Claudia Crodel

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Wichtige Mitteilung

Ausschreibung zur Förderung von Integrationsprojekten im Förderjahr 2018

Das Bundesamt für Migration und Flüchtlinge (BAMF) fördert im Auftrag des Bundesministeriums des Innern (BMI) und des Bundesministeriums für Familie, Senioren, Frauen und Jugend (BMFSFJ), ergänzend zu den gesetzlichen Integrationsangeboten (Integrationskurse, Migrationsberatung für erwachsene Zuwanderinnen und Zuwanderer, Jugendmigrationsdienste), Projekte zur gesellschaftlichen und sozialen Integration von Zuwanderinnen und Zuwanderern. Anträge können bis einschließlich 15.09.2017 beim BAMF eingereicht werden.

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