BAMF - Bundesamt für Migration und Flüchtlinge - Projekt des Monats - Die Synagogentür zum Dialog geöffnet

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Die Synagogentür zum Dialog geöffnet

Integrationsprojekt des Monats März

Datum 28.03.2018

Die Tür zur Synagoge der Liberalen Jüdischen Gemeinde Hannover K.d.ö.R. wird seit einigen Monaten immer öfter für Besuchergruppen aufgeschlossen. Möglich wird das durch das vom Bundesamt für Migration und Flüchtlinge geförderte Projekt "Interkultureller und Interreligiöser Dialog mit der Liberalen Jüdischen Gemeinde Hannover"

Es ist Mittwochabend, und durch die schwere Tür des Gotteshauses kommen an die 50 Besucherinnen und Besucher in die Synagoge. Einige sind zum ersten Mal da, andere nutzen jede sich bietende Gelegenheit diesen Ort zu besuchen.

In der Vortragsreihe "Im Spiegel der Anderen", spricht an diesem Abend Prof. Dr. Ursula Rudnick, unter anderem Dozentin an der Universität Hannover, über die gegenseitige Wahrnehmung von Christen- und Judentum. Es ist der dritte Vortrag dieser Reihe, die sich zur Aufgabe gemacht hat, Menschen miteinander über ihren Glauben ins Gespräch zu bringen und zu reflektieren.

Dass jetzt wieder einmal viele Besucher in das sonst aus Sicherheitsgründen so verschlossene Gotteshaus kommen, freut vor allem Ingrid Wettberg. Sie ist seit 1997 Vorsitzende der über 800 Mitglieder zählenden Gemeinde. "Für uns ist es ganz wichtig, das richtige Maß zwischen Sicherheit und Offenheit zu finden. Die Vortragsreihe ist eine schöne Gelegenheit, sich zu öffnen und miteinander ins Gespräch zu kommen", erzählt sie. Und genau das bestätigen ihr auch immer wieder die Besucherinnen und Besucher der Veranstaltungen.

Eine Frau steht vor einem BücherregalIngrid Wettberg, Vorsitzende der Liberalen Jüdischen Gemeinde Hannover K.d.ö.R., will den interreligiösen Dialog auch über das Projekt hinaus weiter führen. Quelle: BAMF/Karsten Koch

Ein Projektleiter als Türöffner

Seit Herbst 2016 hat Ingrid Wettberg Monty Ott an ihrer Seite. Mit Mitteln des Bundesamts für Migration und Flüchtlinge wurde er als Leiter des Projektes "Interkultureller/Interreligiöser Dialog" eingestellt. Immer öfter öffnet er seit dem für Besuchergruppen, unter ihnen auch viele Schulklassen, das Gemeindezentrum samt Synagoge. Dabei erlebt er immer wieder, "dass die Besucherinnen und Besucher oft wenig profundes Wissen über das Judentum haben". Otts Aufklärungsarbeit ist somit gefragt, "denn es gibt viele Gemeinsamkeiten zwischen christlichem oder muslimischem Glauben und dem Judentum", betont er bei den Führungen immer wieder und kann damit die Neugierde der Besucher wecken. Und dass viele neugierig auf das sind, was hinter der sonst so oft verschlossenen Gemeindetür passiert, "macht uns hier sehr glücklich", zieht der Hannoveraner ein kleines Zwischenfazit.

Der Projektleiter Monty Ott sitzt auf einer Stufe in der SynagogeMonty Ott, Projektleiter, führt regelmäßig Schulklassen durch die Synagoge Quelle: BAMF/Karsten Koch

Auch die weiteren an den Führungen beteiligten Gemeindemitglieder erleben so eine ganz neue und immer wiederkehrende Auseinandersetzung mit ihrem Glauben. Eine von ihnen ist Margarita Suslovic. "Dass wir anstatt mit unseren Projekten in die Schulen zu gehen, die Schulklassen zu uns holen, war eine komplett richtige Entscheidung", sagt sie. "Die Besuche der Jugendlichen sind auch für uns eine Bereicherung."

Den Glauben offen ausleben können

Interreligiöser Dialog bedeutet für die Liberale jüdische Gemeinde jedoch nicht nur, dass viele Menschen in die Synagoge kommen. Ebenso wichtig ist es, dass die Gläubigen aus der Synagoge ins gesellschaftliche Leben hinausgehen. So ist ein weiterer wichtiger Teil des Projekts, gemeinsam an kulturellen oder religiösen Veranstaltungen und Festen anderer Gemeinschaften teilzunehmen. Dazu zählt beispielsweise auch das gemeinsame Fastenbrechen mit muslimischen Gläubigen zum Ende des Ramadans, das fester Bestandteil im Projekt geworden ist.

Für viele Gemeindemitglieder ist dieser offen gelebte interreligiöse Austausch neu. Zwei Drittel der Gemeindemitglieder sind Zugewanderte aus den Nachfolgestaaten der Sowjetunion. Oft konnten sie ihren jüdischen Glauben über zwei Generationen nicht öffentlich ausleben. Dass dies im Rahmen des Projekts nun auch außerhalb des geschützten Raums des Gemeindezentrums möglich wird "stärkt das Selbstwertgefühl der Gemeindemitglieder ungemein", sagt Ingrid Wettberg, die selbst eine der wenigen Deutschen jüdischen Glaubens in der Gemeinde ist.

Die Gemeinde als zweites Zuhause

Viele der aus 18 Nationen stammenden Gemeindemitglieder haben bereits öffentliche Anfeindungen ihrem Glauben gegenüber erlebt. Eine Gemeinsamkeit, die sie oft mit Besuchern muslimischen Glaubens teilen, wie die Erfahrung mit zahlreichen Besuchergruppen zeigt. Margarita Suslovic ist 1994 aus Russland nach Deutschland gekommen und engagiert sich ebenfalls in der Gemeinde. Sie weiß, dass sich die Probleme der Gläubigen verändert haben. "Früher ging es hauptsächlich um Wohnungs- und Arbeitssuche, wie bei jedem der neu in ein fremdes Land kommt. Jetzt haben viele Zeit, sich mit ihrem Glauben zu beschäftigen", sagt Suslovic. Und genau hier greift die Gemeinde ein und sorgt durch viele Arbeitsgemeinschaften, beispielsweise gegen Antisemitismus, und ein aktives Gemeindeleben für Bindung zum Glauben.

Eine Frau steht vor einer SynagogeMargarita Suslovic erlebt die Besuche von Jugendlichen in der Gemeinde als Bereicherung. Quelle: BAMF/Karsten Koch

"Mittlerweile sehen viele Gemeindemitglieder unser Gemeindezentrum als ihr zweites Zuhause an", freut sich Ingrid Wettberg über den Erfolg. Daher soll der seit 2016 laufende Prozess des interreligiösen Austausches, da sind sich Ott und Wettberg einig, unbedingt fortgeführt werden. Die Strukturen dafür hat die Gemeinde bereits geschaffen und die Tür der Synagoge soll dabei auf jeden Fall weiterhin so oft wie möglich geöffnet werden.

Text: Christian Dresmann

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