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Reich, Reicher, Wortreich

Projekt "WORTREICH – Teilhabe durch Schreiben" vom PHOENIX Köln e.V.

Datum 21.12.2018

Was tun Jugendliche mit Migrationshintergrund, wenn man ihnen sagt: "Lass deiner Fantasie freien Lauf, Kommaregeln sind unwichtig"? Richtig, sie schreiben und sie nehmen begeistert an den Schreibkursen des Kölner Projekts Wortreich teil.

Etwa 50 Personen sind in den Seminarraum der Stadtbibliothek Köln gekommen, viele Jugendliche sind unter den Gästen. Manche haben ihre Mütter oder Väter mitgebracht, auch einige Lehrkräfte sind da. An den Tischen wird aufgeregt gesprochen oder gespannt geschwiegen. Schließlich ist das nicht irgendein später Dezembernachmittag.

Vorne steht Exaucée. Sie gehört mit ihren 19 Jahren bereits zu den Älteren im Raum. Sie moderiert die Nachmittagsveranstaltung und Autorin ist sie natürlich auch. Vor zwei Jahren wurde eine Geschichte von ihr im ersten Wortreich-Buch veröffentlicht. Ihr Vater war damals so stolz, dass er das Buch seinem Chef zeigte und der Chef wiederum war von Exaucées Geschichte so begeistert, dass er es dem Vater für 40 Euro abkaufte. Kleine Gesten sind es, die Sicherheit geben. Wenn Exaucée später zu den jungen Zuhörenden sagt: "Eure Geschichten waren mega gut. Ich habe mit 14 Jahren angefangen zu schreiben, ihr ward alle besser als ich", dann klingt das sehr selbstbewusst.

Nicht nur das neue Buch "INVISIBLE" wird an diesem Abend präsentiert, auch die vier Erstplatzierten des Schreibwettbewerbs 2018 sollen geehrt werden. Exaucée saß zusammen mit vier Erwachsenen und neun Jugendlichen in der Jury. Sie hat alle Einsendungen gelesen und sich schließlich für ihre Favoriten entschieden.

Perfektes Deutsch ist keine Voraussetzung

"Hey Schatz, begrüßt mich mein Freund Lou."
(Erster Satz, erster Platz Prosa, Altersklasse 15-21)

Jugendliche fürs Schreiben und Lesen zu begeistern, darum geht es in dem Projekt "Wortreich". Seit dem Projektstart werden in den drei Kölner Stadtbezirken Porz, Chorweiler und Neubrück interkulturelle Schreibwerkstätten angeboten. Die meisten Teilnehmenden haben Migrationshintergrund, einige leben erst seit wenigen Jahren in Deutschland. Der Respekt vor dem Rotstift der Deutschlehrkräfte ist groß, in den Schreibwerkstätten wird er ihnen ein wenig genommen. In diesem geschützten Rahmen ist es egal, ob das Semikolon an der richtigen Stelle steht oder nicht. Die Schreiblehrkräfte tun vor allem eines: Sie ermutigen.

Fünf Bücher mit Kurzgeschichten und Gedichten sind seit Projektstart entstanden, jedes Jahr wird ein Schreibwettbewerb ausgerichtet. Über 100 Jugendliche haben bislang Texte in mehr als zehn Sprachen verfasst. Im Rahmen des Projekts wird aber nicht nur geschrieben und gelesen, sondern auch gerappt, gezeichnet und aufgenommen. Auch ins Theater ist man schon gemeinsam gefahren. Für einige Teilnehmende war es der erste Theaterbesuch ihres Lebens.

"Wo bist du?
Ich bin hier, aber du siehst mich nicht,
weil ich unsichtbar bin."
(Erster Absatz, erster Platz Poetry, 12-14 Jahre)

Ob San Francisco, London oder Köln – kreativ sind Jugendliche überall

In den Vereinigten Staaten und Großbritannien gibt es ähnliche Projekte. In San Francisco gründete der Schriftsteller Dave Eggers im Jahr 2002 das Schreiblabor 826 Valencia für Kinder und Jugendliche, die sich keine Nachhilfe leisten können, aber einen kreativen Schreibhunger verspüren. Heute gibt es das Projekt landesweit in sechs Städten, unter anderem in Chicago, Los Angeles und New York City.

In Großbritannien war es Nick Hornby, der in London im Jahr 2010 das "Ministry of Stories" gründete. Das Ziel auch hier: Kinder und Jugendliche dazu ermutigen, ihre Geschichten aufzuschreiben.

Hierzulande ist es kein Bestsellerautor, sondern der Übersetzer und Historiker Christian Mader, der die Idee hatte, Creative Writing in zentrumsferne Stadtbezirke zu bringen. Als er noch als Nachhilfelehrer an einer Hauptschule in Neubrück arbeitete, kamen Schulkinder auf ihn zu und fragten, ob sie etwas schreiben können. "Das hat mich unglaublich gefreut", sagt er. Bald etablierte sich eine regelmäßige Schreibgruppe, weitere Jugendliche meldeten sich. Christian Mader merkte: Hier gibt es zwar ein Interesse, aber kein passendes Angebot.

Waren es zum Projektstart noch drei Schreibgruppen, sind es ihrer inzwischen fünf. Auch die Zahl der Teilnehmenden am Schreibwettbewerb steigt Jahr für Jahr. Circa vierzig Jugendliche haben in diesem Jahr teilgenommen, die meisten besuchen Hauptschulen. Beim ersten Schreibwettbewerb im Jahr 2016 war es noch schwierig das Dutzend an Texteinsendungen vollzukriegen.

"Ihre Liebe war so groß
Zu groß für ihn.
Er fühlte sich eingeengt."
(Erster Absatz, erster Platz Poetry 15-21 Jahre)

"Die größte Herausforderung ist, regelmäßig zusammenzukommen", sagt Christian Mader. Feste Räume gibt es nicht, mal trifft man sich in der Stadtteilbibliothek, mal in einem freien Raum in der Schule. "Außerdem ist das Privatleben der Jugendlichen oft chaotisch." Deshalb planen die Schreiblehrkräfte auch nicht über einen längeren Zeitraum hinweg, sondern von Workshop zu Workshop. "Die Jugendlichen kommen, wenn sie schreiben möchten. Und wenn sie nicht möchten, dann kommen sie eben nicht."

Eine nächste Herausforderung: Jungs zum Schreiben zu bewegen. Insbesondere in der Pubertät brüsten sich Jungs lieber mit der Grätsche auf dem Rasen als mit dem am Nachmittag ausgetüftelten Oxymoron. Deshalb spricht Christian Mader gezielt mit Jüngeren. Wie zum Beispiel den elfjährigen Sami aus Afghanistan, der erst seit zwei Jahren in Köln lebt, und bereits Kurzgeschichten und Gedichte auf Deutsch verfasst. Sami hat auch seine Freunde überredet, mit in die Schreibwerkstatt zu kommen. Da sitzen sie dann zusammen, lesen, schreiben und denken nach. "Vor allem die jüngeren Teilnehmenden wissen oft gar nicht, was sie interessiert, weil sie noch nie jemand gefragt hat", sagt Christian Mader.

"Eigentlich fing alles an, als ich in Ohnmacht fiel, weil ich zu früh ins Bett gegangen war."
(Erster Satz, erster Platz Prosa, 12-14 Jahre)

Es wird immer gleich laut geklatscht

Wenn die Ideen aber erst einmal zu Papier gebracht sind, erlischt die Begeisterung nicht so schnell. Viele Jugendliche haben auch Jahre später nicht den Spaß am Schreiben verloren. Wie Jinan zum Beispiel, Workshop-Teilnehmerin der ersten Stunde, die jetzt eine Ausbildung zur Bürokauffrau macht. Zu einer Schreibwerkstatt geht sie schon lange nicht mehr, aber an den Wettbewerben nimmt sie weiterhin teil. Oder Nisa, die früher ebenfalls einen Workshop besuchte. Auch sie schreibt weiter, mit Hilfe einer App. Und klar, Exaucée greift ebenfalls zu Stift und Papier, wenn sie das Gefühl hat, Gedanken loswerden zu müssen. Dann sitzt sie bis zu zwei Stunden am Schreibtisch und schreibt.

Nisa, Jinan, Exaucèe, Christian Mader. Alle sind sie an diesem Nachmittag in die Zentralbibliothek gekommen. Viele Jugendliche haben am Schreibwettbewerb teilgenommen, aber nur vier von ihnen haben gewonnen. Die Veranstaltung folgt jedoch nicht der Dramaturgie eines TV-Regisseurs. Egal, ob gewonnen oder "nur" im neuen Buch veröffentlicht, es wird bei allen gleich laut geklatscht. So verlassen wenig später viele Jugendliche mit glänzenden Augen die Stadtbibliothek. In ihren Rucksäcken transportieren sie ihre erste veröffentlichte Geschichte. Ein Leben lang können sie nun sagen: Ich bin eine Autorin / ich bin ein Autor.

Text: Lukas Hoffmann

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